„Ich bin top motiviert“

100 Tage Oberbürgermeister - Felix Schwenke im Interview

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Felix Schwenke

Offenbach - 100 Tage beträgt in der Politik die Schonfrist, die einem neuen Amtsinhaber zugestanden wird, um sich einzuarbeiten. Und um mögliche erste Erfolge vorzuweisen. Für Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke endet diese Frist morgen. Die Redakteure Matthias Dahmer, Thomas Kirstein und Martin Kuhn haben bei ihm nachgefragt, wie es bisher auf dem Rathaus-Chefsessel so gelaufen ist.

Herr Schwenke, ist der erste SCHWUNG des Neuanfangs verflogen?

Im Gegenteil! Ich bin absolut dankbar, in meiner Heimatstadt Oberbürgermeister sein zu dürfen! Bezahlbarer Wohnraum, Verbesserung unserer wirtschaftlichen Situation, Unterstützung der ehrenamtlich Aktiven in den Vereinen, Zukunft der Innenstadt… - und das sind nur Beispiele aus meinem Zuständigkeitsbereich. Wir brauchen eine Verbesserung unserer wirtschaftlichen Situation, um das notwendige Geld für die wichtigen Themen wie Schulen, Kitaplätze, Grünflächen für Erholung, kulturelle Angebote, Sauberkeit und vieles mehr zu haben. Offenbach als liebens- und lebenswerten Wohnort zu erhalten und auch fit für die Digitalisierung zu machen ist eine große Aufgabe. Grundsätzlich gilt es, bei vielen Themen zu Beginn meiner Amtszeit Grundlagen zu legen. Um dann tatsächlich etwas positiv zu verändern, braucht es neben Motivation und Kraft immer auch Geduld und einen langen Atem.

Wo hat Sie die REALITÄT schon eingeholt?

Dass es immer mal Rückschläge gibt, ist klar. Dass wir zu Ostern so ein dickes Ei wie den Bericht zum Waldschwimmbad bekommen haben, hätte ich nicht gebraucht. Eine Arbeitsgruppe mit Fachleuten aus allen Dezernaten, an deren Auftaktsitzung ich selbst teilgenommen habe, soll nun den Winterbetrieb schon ab diesem Winter direkt wieder sicherstellen. Und dann gibt es Fälle, in denen sich Menschen an mich wenden oder Themen auftauchen, die es verdient hätten, dass ich Zeit für sie hätte. Auch wenn es den Charme unserer Stadt ausmacht, halbwegs überschaubar zu sein: Am Ende sind wir doch mehr als 130.000 Einwohner und eine echte Großstadt. Da kann der OB nicht alles alleine machen. Das tut mir in jedem Einzelfall weh. Hier gilt dann: Da müssen die Kollegen im Magistrat als Team mit ran.

Sie sind OB ohne parlamentarische Mehrheit. Läuft die ZUSAMMENARBEIT mit der Tansania-Koalition wie erhofft?

Die Koalition hat zwei Möglichkeiten: Sie kann sagen „Wir haben die Mehrheit“ und mich blockieren, oder sie kann sagen „Wir erkennen das Ergebnis der OB-Wahl an“ und diesen Worten auch Taten folgen lassen. In den ersten hundert Tagen habe ich beide Varianten erlebt. Anfangs ließ mich die Koalition spüren, dass sie unglücklich war, mit mir zusammenarbeiten zu müssen. Zuletzt wurde das deutlich besser, man hat sich auch mit meinen Argumenten auseinandergesetzt. Wenn das so bleibt, wäre es gut für Offenbach.

Gibt es bereits konkrete PROJEKTE, die Sie in den nächsten 100 Tagen anpacken möchten?

Wenn ich sage, ich will etwas für bezahlbaren Wohnraum machen, dann will ich, dass die GBO wieder mehr Wohnungen baut. Und dass sie auch wieder öffentlich geförderte Wohnungen baut. Ich arbeite mit der Geschäftsführung der GBO und meinem Liegenschaftsamt daran, wo konkret das in den nächsten Jahren passieren soll. Wer in Offenbach arbeitet, muss sich Offenbach leisten können. Wenn ich sage, ich will etwas für die Verbesserung unserer wirtschaftlichen Situation machen, dann klinke ich mich wann immer nötig selbst ein. Ganz aktuell diese Woche war das zum Beispiel ein Anruf bei der Bahn. In jede Chance für Neuansiedlungen investiere ich Zeit – gleich der erste Termin meiner Amtszeit drehte sich darum. Ich kämpfe hart um jedes einzelne Projekt, denn es ergeben sich vom ersten Gespräch bis zu einer möglichen Realisierung ständig neue Probleme, die es zu lösen gilt. Dabei unterstützt mich die Verwaltung sehr gut. Wenn ich sage, ich will die ehrenamtlich Aktiven in den Vereinen unterstützen, dann geht es mir zum Beispiel um die Zukunft des SC 07 Bürgel.

Nach dem Brand an der Frankenstraße 2014 muss hier endlich etwas passieren. Aber wir müssen in einer wachsenden Stadt nicht nur über einen Verein, sondern über alle Sportstätten reden. Reicht die Anzahl, können wir den Zustand verbessern? Daran arbeite ich. Wenn ich sage, ich will etwas für die Aufwertung der Innenstadt machen, dann treibe ich die Arbeit an einem Zukunftskonzept voran – in enger Abstimmung mit der Koalition, der IHK und dem Einzelhandel. Ein anderes Beispiel sind die Innenstadtfeste. Hier will ich etwas verbessern. Aber das macht man nicht in hundert Tagen. Ich möchte alle Beteiligten ins Boot holen. Und hier gibt es Verträge und Vereinbarungen mit bestimmten Laufzeiten. Ich will 2020 erste sichtbare Ergebnisse haben.

Bürgermeister und Landräte aus der Region

Hat Ihnen Ihr Vorgänger ALTLASTEN überlassen, auf die Sie gern verzichtet hätten?

Eine Altlast im Sinne schwer zu korrigierender Fehlentscheidungen... Nein! Im Gegenteil: Er hat vor allem das Bild und den Zustand der Stadt an vielen Stellen aufgewertet und verbessert, viele Menschen von außerhalb sprechen mich immer wieder an und sagen „Offenbach, bei Ihnen geht es ja aufwärts!“ Aber offene zu bearbeitende Punkte: Ja, zahlreiche! Das ist bei jedem Amtswechsel so, niemand kann alles zu Ende bringen. 

Nach hundert Tagen denken Sie vielleicht an URLAUB. Das bevorzugte Ziel ist?

Ich bin top motiviert. Urlaub kommt später dieses Jahr. Mein bevorzugtes Ziel ist dabei kein Ort, sondern Zeit mit meiner Familie. Ich bin sehr dankbar, eine so tolle Frau und eine wunderbare Tochter zu haben. Aber wenn wir dann losziehen, wird es ein Ort in Frankreich sein, meine Frau und ich sind Frankreich-Fans.

Der ROLLENWECHSEL vom Wahlkämpfer Schwenke zum Oberbürgermeister Schwenke ist ...

…mir aus drei Gründen sehr leicht gefallen. Erstens habe ich mich im Wahlkampf ja bewusst so präsentiert, wie ich bin, daher musste ich mich auch hinterher nicht verändern. Zweitens habe ich die Zeit zwischen der Wahl am 24. September und der offiziellen Amtseinführung am 21. Januar intensiv dazu genutzt, mich vorzubereiten. Drittens habe ich ja schon rund fünf Jahre Erfahrung als haupt- und ehrenamtlicher Stadtrat in die Arbeit eingebracht.

Gibt es MENSCHEN, deren Kennenlernen etwas Besonderes für Sie war?

Es ist einer der Punkte in meinem Beruf, der mir sehr große Freude macht: Menschen zu treffen, einen kleinen Ausschnitt ihres Lebens kennenzulernen und dadurch selbst jeden Tag dazuzulernen. Beeindruckt hat mich vom ersten Tag an, wie sehr die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Stadtverwaltung und Stadtkonzern meine Arbeit unterstützen. Es herrscht eine große Bereitschaft mir zu helfen und mit mir anzupacken. Das tut mir jeden Tag aufs Neue richtig gut. Bei meinen Unternehmensbesuchen hat mich zum Beispiel der Kollege in der Gießerei bei manroland fasziniert, der in das flüssige Eisen „Zutaten“ hineinwirft, damit es richtig verarbeitet werden kann. Auch der Kollege bei GKN, der hunderte schwere Gelenkwellen pro Tag hebt, hat mich beeindruckt. Einmal konnte ich im Seniorenzentrum dabei sein, als am Morgen den Bewohnerinnen und Bewohnern die Zeitung vorgelesen wurde. Auf diese Art und Weise wird auch mein Opa diesen Artikel vorgelesen bekommen – die Pflegekräfte dort machen ihre harte Arbeit mit viel Empathie. Davor habe ich höchsten Respekt.

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