Wenn sich Rechnungen türmen...

20 Jahre evangelische Schuldnerberatung in Offenbach

Hilft, wenn die Mahnungen überhand nehmen: die Evangelische Schuldnerberatung.
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Hilft, wenn die Mahnungen überhand nehmen: die Evangelische Schuldnerberatung.

Es ist ein unrühmlicher Platz am unteren Ende der Liste: Der Privatverschuldungsindex der Schufa für Kreise und kreisfreie Städte für 2018 weist Offenbach Platz 382 von 401 zu. In Offenbach, so der Schluss, gibt es viele problematische Einkommenssituationen, viele Menschen haben mit Schulden zu kämpfen.

Offenbach - Der Weg in die Schulden hat nur selten etwas mit Verschwendungssucht zu tun, wie Michael Franke, Leiter des Evangelischen Zentrums für Beratung in Offenbach, festhält. „In der Regel haben die Menschen durchaus vernünftig gewirtschaftet mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, doch dann hat sie ein Einschnitt aus der Bahn geworfen“, sagt er. Das könne eine Erkrankung, Arbeitslosigkeit, Nachwuchs, gescheiterte Selbstständigkeit oder eine Trennung sein. Dieses Ereignis verändere das bisherige Leben und wirke sich aufs Geldverhalten aus. „Bisher gesicherte Zahlungen können dann nicht mehr bedient werden, Schulden häufen sich an.“

Franke und sein Team gehören zu denen, an die sich Menschen mit Schuldenproblemen wenden können, seit gut 20 Jahren existiert das Hilfsangebot der evangelischen Kirche. Da das Thema Schulden jedoch scham- und tabubehaftet ist, finden manche erst spät den Weg zur Beratungsstelle. „Einige informieren sich schon vorsorglich, sobald erste Probleme auftauchen, aber wir haben auch Fälle, bei denen über 20 oder 30 Jahre Schulden aufgebaut wurden“, berichtet er.

Die Beratung richtet sich an alle, eine besondere Zielgruppe ließe sich in Offenbach nicht ausmachen. „Entgegen der weitverbreiteten Meinung tauchen Jugendliche kaum in der Schuldnerberatung auf. Das hängt damit zusammen, dass Minderjährige nur eingeschränkt geschäftsfähig sind, der Mobiltelefon- oder Fitnessstudio-Vertrag ist nur mit Einwilligung der Eltern möglich. „In den vergangenen drei Jahren hatten wir lediglich 25 Personen, die der Gruppe der 18- bis 22-Jährigen angehören.“

Beinahe die Hälfte aller Ratsuchenden sind zwischen 31 uns 50 Jahren alt, zwei Drittel aller Klienten verfügen über einen Arbeitsplatz und haben ein regelmäßiges Einkommen. „Menschen ab 61 Jahren sind mit knapp elf Prozent vertreten“, sagt Franke, „der Anteil der Senioren, die uns kontaktieren, steigt langsam, aber stetig.“

Wie wird geholfen? „Zuerst schauen wir, dass die die Miete bedient wird, Strom, Wasser und Konto nicht gesperrt sind.“ Dann gelte es, den Überblick über die Situation zu gewinnen, Ein- und Ausgaben festzuhalten und die genaue Schuldenhöhe zu ermitteln. „Viele, die sich bei uns melden, sind verzweifelt, weil von Inkasso-Unternehmen oft Drohkulissen aufgebaut werden oder sie fürchten, wegen ihrer Schulden in Haft gehen zu müssen“, sagt Franke. Die Erleichterung sei groß, wenn die Berater erläutern, was ein Inkasso-Unternehmen überhaupt darf und dass man hierzulande nicht wegen Schulden inhaftiert werden kann.

Evangelische Schuldnerberatung

Seit 1998 bietet das Diakonische Werk eine Schuldnerberatung für Offenbacher. Sechs Berater sind tätig; die Beratung ist kostenfrei und wird von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, der Stadt und dem Land finanziert. Im Jahr 2019 haben 1274 Personen Rat gesucht, im Jahr 2018 waren es 1155 Personen. 47 Prozent der Klienten hatten die deutsche Staatsangehörigkeit, mit 55 Prozent stellen Männer die größte Gruppe dar. Zwei Drittel der Ratsuchenden haben Arbeitsplatz und Einkommen, Arbeitslosengeld II beziehen 28, 4 Prozent, Arbeitslosengeld I 5,2 Prozent.

Die meisten Klienten stammen mit 24,3 Prozent aus dem Bereich Innenstadt und mit 20,6 Prozent aus dem südwestlichen Bezirk, gefolgt vom Nordend mit 16,1 Prozent und dem östlichen Bezirk mit 14, 8 Prozent. Bürgel und Rumpenheim sind mit 10,5 Prozent und Bieber mit 9 Prozent vertreten, dazu noch Einzelfälle außerhalb des Stadtgebiets. Pfändungsschutzkonto-Bescheinigungen konnten im vergangenen Jahr 122 ausgestellt werden.

Das Krisentelefon der Schuldnerberatung ist montags, dienstags, mittwochs und freitags von 9 bis 12 Uhr und montags, dienstags und donnerstags von 13 bis 16 Uhr unter 069 82977040 besetzt, E-Mail: schuldnerberatung@offenbach-evangelisch.de

„Wichtig ist, dass der Wille da sein muss, Schulden zurückzuzahlen oder sich helfen zu lassen“, hält Franke fest. Dann werden mit den Gläubigern Regelungen vereinbart, wie eine Rückzahlung erfolgen soll. „Die Raten müssen realistisch sein: Bei einem Hartz-IV-Empfänger monatliche Raten von 50 Euro über drei Jahre zu vereinbaren, ist völlig illusorisch.“

Zudem kann ein Insolvenzverfahren eine Lösung sein, wenn absehbar ist, dass die Schulden zu hoch sind und sich keine dauerhafte Vereinbarung finden lässt. 120 Insolvenzanträge hat die Beratungsstelle 2019 mit ihren Klienten gestellt. Aber auch dieses Verfahren nötigt den Schuldnern große Disziplin ab, laut Franke ist es nicht allen zu empfehlen. Manche Notlage käme zustande, weil die Schuldner die Mahnbriefe nicht verstünden: Diese sind zwar rechtssicher formuliert, doch oft schwer verständlich. „Wenn es in leichter Sprache eine Erläuterung geben würde, wäre einigen Schuldnern schon geholfen, denn sie würden die Schreiben verstehen und aktiv werden.“

Das Beratungsangebot der Kirche ist kostenlos, allerdings würden sich am Markt auch Anbieter tummeln, die von den Schuldnern Geld verlangen würden. „Die sind nicht alle per se unseriös, aber es ist für Außenstehende schwer, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden“, sagt Franke.

Von Frank Sommer

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