Ouzo, Oliven und Grexit

4700 Griechen in Offenbach: Krise nur scheinbar weit weg

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Auf den ersten Blick ist für Stilianos Konstantinidis, der den gleichnamigen Laden am Wilhelmsplatz betreibt, die Griechenland-Krise weit weg. Doch auch er bangt um die wirtschaftliche Zukunft seines Heimatlandes.

Offenbach - Wer als Grieche in Deutschland wohnt, der ist von Grexit & Co. weit entfernt. Ein Witz über die Krise geht da leicht über die Lippen. Doch wer nachbohrt, der merkt schnell: Trotz geografischer Distanz bleibt vom Finanzdebakel kaum einer verschont. Von Laura Lewandowski 

Bei Konstantinidis am Wilhelmsplatz scheint die Welt in Ordnung: Griechische Spezialitäten, wohin das Auge reicht, die Regale randvoll mit Feta, Wein oder Gyros. Drohender Staatsbankrott, Schuldenstreit? Inmitten von Gemüsekisten und frischem Zaziki scheinen diese Probleme für Ladenbesitzer Stilianos Konstantinidis weit weg. Von Griechenland trennen ihn mehrere tausend Kilometer – und das nicht nur geografisch.

„Wir denken darüber nach, aber wir wissen: Uns geht es gut“, sagt der 46-Jährige. Mit „Wir“ meint er 4 700 weitere Griechen, die in Offenbach leben. Das sind zirka 17 Prozent aller ausländischen EU-Bürger in der Stadt. Von Jahr zu Jahr werden es mehr, wie eine Sprecherin der Griechischen Gemeinde Offenbach sagt. Viele von ihnen kommen in den Laden von Konstantinidis. Oft fällt da das Schlagwort „Grexit“ oder „Krise“. Schlechte Stimmung? Fehlanzeige! „Wir reden darüber eher auf witzige Art und Weise“, sagt der Händler. „Bald gibt’s wieder die Drachme“ sei ein Klassiker, auch über eventuelle Zölle für Oliven werde gescherzt.

Alles also halb so wild? Nicht ganz. Denn selbst Konstantinidis räumt beim zweiten Nachfragen ein, dass er um die wirtschaftliche Zukunft seines Heimatlandes bangt. „Wenn du Geld hast, nimm es mit“, riet er seiner Mutter, die vergangene Woche nach Griechenland fuhr. Zu groß die Gefahr, das griechische Banken die Konten dicht machen.

„In Griechenland werden ganze Familien auseinandergerissen“

Führt der Weg vom Fischladen nur ein Haus weiter in eine griechische Taverne, ist von Drachmen-Witzen nichts mehr zu hören. Denn viele von den in Deutschland lebenden Griechen haben Familie und Freunde. Und die wohnen nicht in der Bundesrepublik, sondern in ihrem Heimatland, sagt eine 38-Jährige. Ihren Namen will die in Offenbach aufgewachsene Griechin nicht nennen, mit der Krise will sie nicht in Verbindung gebracht werden. „In Griechenland werden ganze Familien auseinandergerissen“, sagt sie. Väter seien gezwungen, Frauen und Kinder für ihren Job zurückzulassen. Papa auf der Arbeit besuchen? Ausgeschlossen: Das Benzin sei zu teuer, der Weg zu weit.

Nicht nur Familien leiden unter Reformen und Auflagen des Staats und der EU. „Viele Studenten müssen ihr Studium abbrechen, Ärzte werden Taxifahrer“, sagt die Kellnerin. Geld fehle an jeder Ecke, gute Jobs seien rar – die Preise hingegen schössen in die Höhe. Wie sie helfen soll, wisse sie nicht. An einen Ausstieg aus dem Euro glaubt die Frau aber nicht. „Ich fände es falsch. Der Grexit ist für mich unwahrscheinlich.“

Krisentreffen zur Griechenlandkrise vertagt

Einige Straßen weiter, wo aus den Boxen griechische Schlager dröhnen und die Luft nach Gyros und Zaziki riecht, sitzen Georgios Kitsilides und sein Sohn Andreas wegen der Krise hingegen wieder gemeinsam am Tisch. Vor 25 Jahren zog der Vater nach Mühlheim, seitdem leiten er und seine Frau einen Imbiss. Vor einem Jahr kam sein Sohn Andreas nach Deutschland – er floh vor der Armut. Gern wäre der 40-Jährige in Griechenland geblieben, die Perspektiven seien aber aussichtslos. „Zuerst bieten sie dir 600 Euro im Monat. Du nimmst es, weil es sonst nichts gibt. Dann sind es 400 – auch das machst du.“ Irgendwann sei aber Schluss.

Deshalb zog er die Notbremse. Keine drei Monate ist es her, da folgte ihm auch seine Frau mit dem Sohn. Zurückgehen will er nicht mehr: „Ich hatte in Griechenland die beste Zeit meines Lebens – aber nur solange ich meine Rechnungen begleichen konnte.“

dpa

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