Spenden nehmen ab

Offenbacher Tafel bewältigt die Corona-Pandemie: „Offenbach ist eine so geil solidarische Stadt“

Das Team der Ausgabestelle Krafftstraße und Offenbacher Tafel-Chefin Christine Sparr.
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Trotzen allen Herausforderungen: Das Team der Ausgabestelle Krafftstraße und Tafel-Chefin Christine Sparr (2. von links) in Offenbach.

Während der Corona-Pandemie arbeitete die Tafel in Offenbach unter Schwerstbedingungen. Doch dank vieler helfender Hände gelang das scheinbar Unmögliche.

Offenbach - „Das war das heftigste Jahr in meinem ganzen Leben.“ Für Christine Sparr, Leiterin der Offenbacher Tafel, bedeuten die vergangenen 15 Corona-Monate ein Wechselbad der Gefühle – von Verzweiflung bis hin zu Freude und Stolz auf ihr „junges, geniales Team“.

Wie kann in Zeiten der Kontaktverbote und -beschränkungen eine Lebensmittelausgabe funktionieren, die täglich hunderte Menschen aufsuchen? Mit dieser Frage wird sie im März 2020 schlagartig konfrontiert, ohne von irgendwoher befriedigende Antworten zu bekommen. „Ich habe eine Million Tränen geweint, schlaflose Nächte gehabt.“ Da die Ausgaben zum Großteil mit Menschen aus der Risikogruppe besetzt sind, fallen diese aus. Auch die älteren Kunden bleiben weg, „aus purer Angst“. Doch wie sollen sie über die Runden kommen? „Mir war klar, dass wir auf jeden Fall weitermachen müssen.“

Tafel-Chefin: „Offenbach ist eine so geil solidarische Stadt“

Mit ihrem Team gelingt ihr ein Neu-Denken althergebrachter Strukturen. Sie erhöhen die Zahl der Ausgabestellen, koordinieren die Zahl der Kunden mittels Terminvergabe, damit sich keine Schlangen bilden. „Das hat so gut geklappt, dass wir es beibehalten werden“, sagt Sparr. Den älteren und behinderten Menschen liefern sie ihre Lebensmittel nach Hause. „Wir hatten das Glück, dass nacheinander zwei Autohersteller uns Autos zur Heimbelieferung überlassen haben.“ Da dies aber zeitlich begrenzt war, sucht sie händeringend nach Fahrzeugen. „Momentan nehmen die Helfer dafür mein Privatauto...“

Das Personalproblem löst sich auf eine unerwartete Weise. Menschen, die auf einmal mehr Zeit haben, etwa weil sie in Kurzarbeit sind oder in gewissen Berufen gar nicht arbeiten können, melden sich als Freiwillige. Waren es früher rund 18 Personen, besteht das Team zwischenzeitlich aus bis zu 45 Ehrenamtlichen. „Offenbach ist eine so geil solidarische Stadt“, jubiliert die Tafel-Chefin. Doch ihre Zahl reduziert sich nun allmählich, seit Normalität einkehrt. „Die Leute gehen wieder arbeiten. Bald fehlen uns drei Fahrer.“ Neue werden dringend benötigt.

Lebensmittel für die Armen: Offenbacher Tafel

gegründet am 31. Januar 2006

eingetragener Verein, unabhängig, überparteilich

finanziert sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Sponsoren

aktuell 35 bis 45 ehrenamtliche Helfer

derzeit 928 registrierte Kunden, darunter Obdachlose- und Wohnsitzlose; Drogenabhängige und Aidsinfizierte; Kinder und Jugendliche; Rentner und Senioren – Menschen aller Bildungsschichten bis hin zu Professoren und Architekten

wöchentlich werden die Lebensmittel an vier Ausgabestellen (Montag Bieberer Straße 55, Mittwoch Neusalzer Straße 77, Donnerstag Rumpenheimer Straße 108, Freitag Krafftstraße 21) und sieben sozialen Einrichtungen im Stadtgebiet verteilt

ältere und gefährdete Personen werden per Fahrdienst zu Hause versorgt

Aktionen und Projekte wie Weihnachtsmarkt, Ostergeschenke usw.

Tafel in Offenbach: „Bei vielen Senioren bleibt die Angst trotzdem“

Denn auch die Heimlieferungen sollen nach Corona beibehalten werden. „Bei vielen Senioren bleibt die Angst trotzdem“, weiß Sparr, die gerührt ist von der Dankbarkeit, die viele Menschen zeigen. „Sie backen Kuchen für uns, kochen uns Marmelade ein, wollen nicht nur nehmen, auch geben.“ Die Pandemie habe aber auch Misstrauen und Entfremdung hervorgerufen, das Miteinander und Anteilnahme fehle. „Dabei brauchen die meisten einfach jemanden zum Reden.“ Teilweise habe ihr Telefon nicht stillgestanden. Sie selbst sei wegen Risikopersonen in ihrer Familie auch nicht frei von Angst gewesen.

Am schwersten falle es ihr, auf Umarmungen zu verzichten. Viele Kunden und ihre teils dramatischen Schicksale kennt sie seit Jahren. Doch es sind viele neue dazugekommen, die durch die Pandemie in die Armut abgerutscht sind. Waren es zuvor gut 700 registrierte Tafel-Kunden, sind es nun 928. Zugleich gelangt die Tafel finanziell an ihre Grenzen. „Wir haben einen Spendenrückgang von 80 Prozent“, sagt Sparr. Sie versteht, dass viele gerade damit beschäftigt sind, selbst über die Runden zu kommen. „Doch jetzt geht es an unsere Rücklagen. Diese Situation ist für uns neu.“ Sie bezeichnet sich selbst augenzwinkernd als „geizig“, habe es stets geschafft, zu haushalten. „Wir hatten genug eingelagert, konnten in den ersten Wochen sogar Nudeln ausgeben“, erinnert sie sich an spezielle Zeiten. Die Tafel versorgte zwischendurch sogar andere Hilfsstellen mit.

Weitere Informationen im Internet auf der Homepage der Tafel Offenbach.

Deutschlandweit seien die Tafeln enger zusammengerückt. „Die Beziehungen sind besser geworden. Mit Langen und Dietzenbach sind tolle Freundschaften entstanden“, freut sie sich. Und ist überwältigt von Zeichen der Solidarität – etwa des Schuhhauses Pauthner, das jüngst 1000 Paar nicht verkaufter Schuhe spendete. „Die könnten sich unsere Kunden normalerweise nie leisten.“ Alles im Leben habe etwas Gutes, findet Sparr, die sich persönlich durch die Krise gestärkt fühlt. „Man merkt, wozu man alles fähig ist.“ Sie hofft, dass es keine Rückkehr geben werde zu „höher, schneller, weiter“, sondern sich die Menschen aufs Wesentliche besinnen. „Hinschauen, füreinander da sein, fühlen.“ (Veronika Schade)

Noch im März musste die Tafel Offenbach ihre Lebensmittelausgabe wegen des Coronavirus lahmlegen.

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