Sprachkurse nach dem Abi

Offenbach ‐ „Erschließen und interpretieren Sie das folgende Gedicht! Diskutieren Sie abschließend, ob der Lebenswandel eines Schriftstellers für die Beurteilung seines Werkes von Belang ist.“ Von Georg Buschmann

So oder so ähnlich steht es auf dem Blatt Papier, das Katharina Lanio heute vor sich auf dem Tisch liegen hat. Wie die meisten anderen Abiturienten in Hessen, startet auch die 17-jährige Offenbacherin die Operation „Abi 2011“.

Ab neun Uhr steht für die Schülerin des Leibniz-Gymnasiums die Klausur im Leistungskurs Deutsch an. Außerdem muss sie noch in Englisch, Mathe, Geschichte und in Politik und Wirtschaft Prüfungen ablegen.

Wird ein Praktikum in Buenos Aires machen: Katharina Lanio.

Mitte Mai ist dann der Abi-Stress endlich vorbei. Statt aber erst einmal in die Sonne zu fliegen und zu entspannen, stürzt sie sich gleich wieder in die Arbeit. An der Offenbacher Berlitz-Sprachschule macht sie einen zweiwöchigen Kurs für Wirtschaftsspanisch. Denn: Anschließend fliegt sie für drei Monate nach Buenos Aires. In Argentinien wird sie in einer Wirtschaftskanzlei arbeiten. „Ich will dort mein Spanisch perfektionieren“, sagt die junge Frau. Das Praktikum in der Kanzlei soll sie außerdem auf ihren späteren Beruf vorbereiten. Die Tochter zweier Anwälte hat vor, in Frankfurt Jura zu studieren. „Ich will aber weder Anwältin noch Richterin werden, sondern am liebsten bei einem internationalen Unternehmen arbeiten.“ Warum sie sich dazu ausgerechnet das Jurastudium ausgesucht hat, begründet sie so: „Jura braucht man immer, und ich diskutiere einfach gerne.“

Geht nach dem Abi zunächst nach China, will dann in Frankfurt studieren: Felicithas Arndt

Sie wird nicht nur in Frankfurt studieren. „Ich könnte mir auch vorstellen, mal nach Berlin zu gehen, weil mich die Stadt fasziniert.“ Auch ein Auslandssemester ist schon fest eingeplant, sehr gerne in Spanien. „Mein absoluter Traum wäre aber, ein Semester in New York zu studieren.“ Als sie einen Urlaub dort verbrachte, hat sie sich in die US-Metropole verliebt. Sie habe eine ganz besondere Atmosphäre. „Obwohl die Stadt nie schläft, sind die Leute dort doch irgendwie gelassen.“ Während es sie also nach dem Abitur erstmal von Offenbach in den westlichen Teil der Welt zieht, reist ihre Mitschülerin Felicithas Arndt in die entgegengesetzte Richtung.

Die 18-Jährige macht in den Fächern Kunst, Englisch, Mathe und Geschichte Abitur und schreibt zudem in Kunst und Ethik eine Hausarbeit. Thema: „Chinesische und westliche Philosophie“. Zur Prüfung muss sie ihre Arbeit zwanzig Minuten lang vorstellen. Ist das geschafft, geht es auf nach China.

Die Abiturientin aus Mörfelden hat eine chinesische Mutter, die 1986 nach Deutschland kam. Sie wird ihre Tochter ins Reich der Mitte begleiten. Erst werden sie nach Peking reisen, dann nach Shanghai und schließlich nach Haikou am südchinesischen Meer. Dort lebt noch ihre Familie mütterlicherseits.

Felicithas Arndt will in erster Linie die chinesische Sprache lernen. Das ist wichtig für ihr Studium: Sie möchte anschließend an der Frankfurter Goethe-Uni Kunstpädagogik und Sinologie (Chinakunde) studieren. Damit will sie später als Heilpraktikerin für chinesische Medizin arbeiten. So würde sie eine Familientradition fortführen. Bereits ihre Großmutter und ihre Mutter waren chinesische Medizinerinnen.

Während des Studiums wird sie nach China zurückkehren, denn ein Semester dort zu studieren ist Pflicht. Die Frankfurter Uni kooperiert mit der Universität Peking. Während des Studiums hier werde sie zwischen Frankfurt und Berlin pendeln, weil ihre Mutter dort lebt. Von ihr will sie die medizinischen Grundlagen lernen, die sie als Heilpraktikerin braucht. Bis es aber soweit ist, müssen Felicithas Arndt und Katharina Lanio heute erst einmal fünf Stunden Stress bei der ersten Abi-Klausur überstehen.

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