Vollsperrung für Brückenabriss

Offenbach - Langsam gleitet der Greifarm nach oben. An seinem Ende sieht die Hydraulikzange aus wie der Kopf eines hungrigen Tieres. Augenlos fokussiert auf sein Opfer, aus dem Maul ragen große Reißer. Von Domenico Sciurti

Er setzt an, fällt ein paar Zentimeter zurück, um Anlauf zu nehmen, dann beißt er zu. Metall trifft auf Beton, Kreischen zerreißt die abendliche Stille, Staub und kleine Steinbrocken fliegen in den dämmernden Himmel. Es ist Freitag, 21 Uhr, an einem kühlen Frühlingsabend. Der Abriss der Brücke auf der Landesstraße 3405 erinnert an Raubtiere, die ihre Beute erlegen. Acht Bagger machen sich über die Verbindung zwischen Offenbach und Heusenstamm her, zerstören das 55 Jahre alte Konstrukt mit Hydraulikmeißeln und -zangen.

Zwei Radlader haben zuvor das einen Meter hohes Fallbett aus Sand unter der Brücke geschaffen, damit die Bundesautobahn 3 nicht beschädigt wird. Sie ist für die ganze Nacht gesperrt. Nachdem sich das Abrissvorhaben um über ein Jahr verzögert hatte, ist es nun so weit. Vor einer Woche sperrten die Verantwortlichen die Brücke. Damit müssen täglich etwa 12.000 Fahrzeuge umgeleitet werden.

Zahlreiche Schaulustige

Marc Wehner beobachtet das Spektakel von der Heusenstammer Seite aus. Im Nieselregen steht er vor einem Sandhaufen. Dort wo die Brücke bereits abgebaut wurde, geht es etwa fünf Meter in die Tiefe. Mehr als 50 Meter trennen ihn vom Geschehen. „Mein Großvater war einer der Architekten, die diese Brücke gebaut haben“, sagt der 15-Jährige. Nostalgie schwingt in seiner Stimme mit. „Er ist gestorben, bevor ich geboren wurde.“ Um Wehner herum steht noch ein Dutzend anderer Schaulustige. Gegenüber auf der Offenbacher Seite sind ebenfalls Menschen zu sehen. Der Regen wird stärker. Unter Schirmen stehen die Neugierigen da und schauen gebannt auf die Brücke, die bereits zur Hälfte verschwunden ist.

Vier Bagger sind nun auf dieser Seite im Einsatz, ihre Arme hauen unermüdlich auf den Beton ein. Ein riesiger Stahlpfosten kommt zum Vorschein wie ein Knochen aus einer großen Wunde. Mit fortgeschrittener Stunde kommen immer mehr Menschen, um sich den Abriss anzuschauen. „So was sieht man nicht alle Tage“, sagt der 37-jährige Bernhard Schwitz. Er ist mit seinem siebenjährigen Sohn Max da, der mit großen Augen das Geschehen fixiert.

Samstagvormittag ist die A3 wieder frei

„Für die Arbeiten ist der Regen gut“, erläutert der stellvertretende Bauleiter Gerhard Rüppel. „Der Staub kann so nicht hochfliegen und den Baggerführern die Sicht nehmen.“ Alles liege im Zeitplan. „Sollte es aber so weiterregnen, können die neuen Markierungen auf der Straße nicht gemacht werden“, prophezeit er. Das Wasser erschwere dann auch das Wegschaffen des Sandes. Routinierter Krach hallt durch die Nacht.

Nur noch die um die Baustelle angebrachten Leuchten erhellen den Schauplatz. Um Samstag um 11.20 Uhr hatte das Schauspiel ein Ende. Die Brücke ist Geschichte, auf der A3 fließt wieder der Verkehr.

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