Abschied und Neuanfang

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Offenbach - Die letzten Tage sind angebrochen, Gebäude und Grundstück bereits verkauft. Erste Umzugskisten werden mitsamt dem Klavier hinüber geschafft zur Paul- Gerhardt-Gemeinde. Von Harald H. Richter

Mit ein wenig Wehmut zwar, doch keineswegs mutlos, sondern voller Zuversicht und entschlossen schauen die evangelischen Christen der Lauterborngemeinde nach vorn.

Besonders dicht gefüllt sind die Stuhlreihen, als Pfarrerin Brigitte Hoßbach zusammen mit ihrem Amtskollegen Simon Pascalis an diesem Sonntagvormittag letztmals Gottes Wort in dem aus den 70er Jahren stammenden Kirchenraum verkündet. Das Gebäude aus Beton und Natursteinen, im Innern mit Altar aus hellem Holz, elektrischer Orgel und schnörkellosen Kreuz von jeher schlicht ausgestattet, wird es bald nicht mehr geben. Der Investor will abreißen und Wohnhäuser errichten. Es bleiben Menschen, die sich neu orientieren müssen. Und sie beginnen bereits, es zu tun.

Zurück geschaut

Brigitte Hoßbach packt die Kerze ein, während starke Männer den Konzertflügel verfrachten.

Gestern Vormittag schauen sie aber noch einmal zurück, erzählen kurze, persönliche Lebensgeschichten, die sie mit „ihrer“ Kirchengemeinde verbinden, die den Namen des Stadtteils trägt. Wie Hanna, die erst vor zwei Jahren die Taufe empfangen hat, oder Jessie, die in Lauterborn aufgewachsen ist und – wie sie sagt – „ein klein wenig vom dem zurückgeben möchte, was ich hier erfahren und geschenkt bekommen habe“. Sie ist in der Hausaufgabenbetreuung aktiv und will ihr Engagement nach dem Zusammenschluss mit der Paul-Gerhardt-Gemeinde weiterführen.

Kirchenvorstand Rüdiger Kaiser ruft in Erinnerung, wie viele musikalische Abende es gegeben hat: Allein 400 Mal fand die Reihe „Lieder & Töne“ statt, neben der Orgel erklang in den Gottesdiensten „bestimmt mehr als 1000 Mal Klavierspiel“, schätzt er. Der Flügel wird im Anschluss an die Feier zum neuen Quartier transportiert, freilich nach Jahren der Beanspruchung dann erst einmal einer Auffrischung unterzogen und neu gestimmt, um später wieder bei kirchenmusikalischen Veranstaltungen zu erklingen.

„Die Zukunft lässt sich nicht greifen“

Viele Gemeindemitglieder nehmen Abschied von der Kirche.

„Die Zukunft lässt sich nicht greifen“, sagt Pfarrerin Hoßbach, „aber wir können daran bauen und sie mit Gottes Hilfe gestalten.“ Von diesem Willen beseelt sind alle, die sich in unterschiedlicher Weise einbringen in Kirchenvorstand und Gemeindebüro, bei zahlreichen Angeboten von Töpfergruppe bis Hausaufgabenbetreuung, die in der Kindertagesstätte der Paul-Gerhardt-Gemeinde an der Felix-Mendelssohn-Straße fortgeführt wird. Die Kirchenverantwortlichen in der Stadt versäumen nicht, den Zusammenschluss als Zukunftsmodell zu beschreiben, zumal auch Luther- und Schlosskirche die Vereinigung vollziehen wollen.

Viele Gläubige, die den Kirchenpavillon nach dem Gottesdienst verlassen, vermissen das „Lauterborner Herzfenster“, das von der Liebe Gottes zeugt und die vier Jahreszeiten versinnbildlicht. Es ist bereits zum neuen Standort gebracht und dort neben dem großen Wandteppich aufgestellt. Auch wenn die Wege weiter werden zur Verkündigung der christlichen Botschaft, Gottes Wort erreicht die Menschen und ihre Herzen überall.

Und weil das so ist, bieten sich nicht nur am Umzugstag Mitfahrgelegenheiten zur Paul-Gerhardt-Kirche, in der ab kommendem Sonntag die Gottesdienste stattfinden sollen. Für alle, die nicht mobil sind, wird ein Fahrdienst von der Lauterbornkirche eingerichtet, stets eine Viertelstunde vor Beginn der religiösen Feiern und danach wieder zurück.

Quasi-Generalprobe klappt vorzüglich

Die Quasi-Generalprobe klappt vorzüglich: Zahlreiche Autofahrer halten nach dem Gottesdienst vor der Lauterborner Kirche Hinweistafeln hoch und bieten ihre Dienste an. Eine halbe Stunde später sind alle Teilnehmer unter dem Dach der Paul-Gerhardt-Kirche vereint und stärken sich mit heißem Tee und Kaffee, ehe der zweite Teil des Umzugsgottesdienstes beginnt. Auch dieser wird musikalisch begleitet von Elke Heinrich, Ulrich Roth und Werner Fürst sowie vom Posaunenchor der Luthergemeinde unter Leitung von Doris und Marcus Neumann.

Pfarrer Ulrich Knödler (Lutherkirche) und Pfarrerin Patrizia Pascalis (Schlosskirche) bringen Brot und Salz herein – sinnbildlich für die Energie, ohne die das Leben nicht möglich wäre, und für den Entschluss, die Strukturen der evangelischen Kirche aufzuweichen. Das Salz soll Eis schmelzen und einen neuen Weg bereiten.

„Pflügt ein Neues und säet nicht unter die Dornen!“

Offenbachs Dekanin Eva Reiß erinnert an das biblische Losungswort des Sonntags, in dem gleichfalls von Aufbruch die Rede ist: „Pflügt ein Neues und säet nicht unter die Dornen!“ (Jeremia 4,3). Reiß deutet auf einen Strauß dunkelrote Dornengewächse, der den Altar ziert. Es sind Lauterborner Rosen, sie symbolisieren die sich immer wieder entfaltende Pracht und Blüte. „Auf dass sich Neues entwickeln kann“, ermutigt die Dekanin.

Danach wird’s eng im Halbrund vor dem Altar: Alle, die gemeinsam Verantwortung tragen wollen, legen das Versprechen ab, füreinander einzutreten, andere die Zuneigung Gottes spüren zu lassen, dem Nächsten Achtung und Respekt entgegen zu bringen – und beschließen diese Zusicherung mit den Worten: „Ja, mit Gottes Hilfe!“ Dem anschließenden Heiligen Abendmahl folgt ein geselliges Beisammensein, das dazu dient, einander „mit offenen Armen zu empfangen“ – wie ein Zusammenschluss geschehen soll!

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