Abstieg aus dem Milieu

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Heimspiel für Silke Scheuermann im Buchladen am Markt.

Offenbach - „Sechs Wochen und fünf Tage nach Franks Tod“ – ein Text, der mit diesen Worten anfängt, wird nicht glücklich enden. Von Markus Terharn

Dies trifft zu auf das Kapitel „Hundeträume“ aus dem Roman „Die Häuser der anderen“, das Silke Scheuermann anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Buchladen am Markt vortrug. Es war ein Heimspiel für die Autorin: Wohnt die gebürtige Karlsruherin doch um die Ecke und ist selbst Kundin im bam. Nervös sei sie trotzdem gewesen, als sie auf dem Weg zur S-Bahn immer das Plakat mit der Ankündigung gesehen habe, bekannte die gefeierte Schriftstellerin im Gespräch mit hr-Moderator Oliver Günther. Ihre Angst, es käme nur eine Handvoll Interessenten, erwies sich indes als unbegründet: Die Buchhandlung war proppenvoll.

Offenbach stand auch Pate für den Schauplatz. Die Handlung spielt im Frankfurter Osten in einer Straße mit Namen Am Kuhlmühlgraben, die sich fast buchstabengetreu in Bürgel findet. Dort führt Scheuermann oft ihren Hund spazieren, was eine weitere Inspiration lieferte. Denn Hunde kommen in fast allen Geschichten vor, aus denen sich ihr aktueller Band zusammensetzt.

So spiegelt sich die Trauer der Protagonistin Dorothee um ihren 42-jährig einem Motorradunfall erlegenen Lebenspartner in dessen uraltem Schäferhund-Labrador-Mischling Kitty. Das ist ein bestechender Einfall. Ein weiterer ist der Besuch der Nachbarin Luisa, von der nur Leser und Zuhörer wissen, dass sie schon mal Sex mit dem Verstorbenen hatte. Aus dieser pikanten Konstellation erschafft Scheuermann eine ans Absurde grenzende Szene, die den Schmerz über den erlittenen Verlust auf den Punkt bringt.

Der Abstieg aus einem realistisch gezeichneten, in der Region verorteten bürgerlichen Milieu: Dieses Thema hat Scheuermann stilistisch glänzend gestaltet. Zurzeit arbeitet sie an keinem neuen Roman, sondern verfasst Gedichte, verriet die in beiden Genres erfolgreiche 39-Jährige noch. An der Lyrik schätzt sie die Möglichkeit, sprachlich zu spielen. Und sie hat in Wiesbaden eine Poetikdozentur inne. Die soll ihr helfen, „sich über das eigene Schreiben klar zu werden“.

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