Lenkradpsychologe, Navi, Fremdenführer

Addy Wehner: Der Boss aller Taxi-Bosse

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Der Chef im Auto: Addy Wehner fährt seit 50 Jahren Taxi und bedient die Zentrale der Fledermäuse. 

Offenbach - Ihre Hoheit der Straße trägt Schnauzbart und Wohlstandsbäuchlein. Addy Wehner, 74, kennt jedes Gässchen, jede Kreuzung, jedes Hoftor der Stadt. Vor 50 Jahren hat er als Taxifahrer angefangen. Heute ist er selbsternannter Boss aller Bosse, der Taxi-Kaiser von Offenbach. Eine Erfolgsgeschichte. Von Sarah Neder

Addy Wehner kokettiert: „Ich war dumm.“ So blöd wie kein anderer, fügt er hinzu und legt den Beweis vor: ein vergilbtes Papier mit blauer Füllertinte. Aufsatz: 6. Sprachlehre: 6. Rechtschreiben: 6. Das war 1952. Heute ist Wehner sehr stolz auf dieses Zeugnis. Sonst hätte er ja niemanden mit seinem Erfolg überrascht. Besuch am Addy-Wehner-Platz 1. Eigentlich wohnt die Familie ja an der Grabenstraße 12a, aber ein tiefblaues Schild mit weißer Schrift im Innenhof zeigt jedem Besucher, wer hier lebt, arbeitet, regiert. Der Chef sitzt im einstöckigen Anbau zur Rechten mit Headset auf dem Kopf vor zwei Computerbildschirmen. Der stadtbekannte Addy – kaum graue Haare, stahlblaue Augen, brauner Schnauzbalken – koordiniert heute fast nur noch in der Zentrale der Fledermäuse. Selbst fährt er selten. Wenn er sich hinters Lenkrad schwingt, dann nur für besondere Kunden. „Ich bin der Boss aller Bosse“, sagt Wehner, und in seiner Stimme klingen viele gerauchte Zigaretten nach. Als Boss kann er sich aussuchen, wann er kommt. Verbringt keine rastlosen Nächte mehr im eierschalenfarbenen Mercedes. Macht nur noch Tagschicht. Arbeitet nicht an Wochenenden, nicht an Feiertagen.

Addy Wehner trottet jetzt über den Addy-Wehner-Platz. An seinem Haus mit den wuchtigen Holzbalkonen vorbei in einen kleinen Werkraum. An der rechten Wand hat er ein halbes Dutzend Urkunden aufgereiht: Eine vom Ministerpräsidenten Bouffier zur Goldenen Hochzeit, eine vom OFC zur Ehrenmitgliedschaft. Das schlechte Schulzeugnis hängt auch dort. Ganz rechts das Wichtigste: der Schein der Scheine, die Taxi-Lizenz. Bestanden am 31. Januar 1967. Viel mehr als eine Lizenz zum Beruf. Eher Lizenz zur Berufung. Wehner sagt, er sei für den Job geboren, lebe für den Job. Ein menschliches Navigationssystem, manchmal Psychologe, immer mit Fingerspitzengefühl für den Gast. Und gänzlich unbescheiden: „Es gibt viele gute Taxifahrer. Aber ich bin der Beste.“

Einer seiner ersten Wagen war ein Mercedes 190 Diesel (unten). Mit dem Auto hat Wehner unglaubliche 1 000 000 Kilometer bewältigt.

Ende der 60er arbeitet der junge Addy zunächst für den Offenbacher Taxiunternehmer Friedel Born. 1973 fährt er in Frankfurt, aber nur kurz. „In Offenbach bin ich der Addy Wehner. In Frankfurt war ich die Nummer 715. Das war schlimm.“ Also zurück in sein Revier. Doch hier sollte sich die Taxiszene auch bald verändern. Zeitweise fahren Chauffeure von drei Zentralen gelenkt in der Stadt. Nach heute kaum mehr zu rekonstruierenden Querelen unter konkurrierenden Droschken-Vereinigungen, gründet sich vor zehn Jahren eine Kooperative aus Offenbacher Taxiunternehmern, dabei Addy Wehner und sein Sohn Addi. Das ist die Geburtsstunde der Fledermäuse. Für die fahren anfangs 15 Leute. Heute sind es 200. Ein Imperium. Erreichbar unter 818282.

Das London-Taxi fährt in die Zukunft

Addy Wehner holt sein Handy raus und liest eine Liste vor: „1. Ich habe in 50 Jahren noch nie einen Unfall gehabt, an dem ich schuld war. Das müssen Sie sich mal überlegen.“ Pause. „2. Ich habe noch nie eine Fahrt zum Bieberer Bahnhof gemacht. Noch nie!“ Wehner tippt eine Nummer, Rufzeichen, Kollege Albert geht ran. „Albert, bist du schonmal zum Bieberer Bahnhof gefahren?“ „Noch nie, ich schwör’s.“ Wehner legt auf. „Sag ich’s doch.“ Zurück zur Liste. „3. Ich habe noch nie jemanden umsonst gefahren. Sonst könnte ich den Job an den Nagel hängen.“ Da flunkert er: Behinderten Kindern hat er schon Fahrdienste spendiert.

Für Geld hat Addy Wehner einmal Uli Hoeneß gefahren. Hat ihn gefragt, was sein Erfolgsgeheimnis sei. Die Leute bezahlen, hat Hoeneß gesagt, „die Zeit der Ehrennadel ist vorbei“. Und das hat sich der Fahrer gemerkt.

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