ADFC-Umfrage

Schlechtes Testurteil: Radfahrer in Offenbach fühlen sich nicht gleichberechtigt

Negativbeispiel am Wilhelmsplatz: Nach Auffassung von Radfahrern ahndet die Stadt solche und ähnliche Verstöße nur unzureichend.
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Negativbeispiel am Wilhelmsplatz: Nach Auffassung von Radfahrern ahndet die Stadt solche und ähnliche Verstöße nur unzureichend.

Radfahrer haben ihre Situation im Straßenverkehr in Offenbach bewertet. Das Urteil fällt nicht gut aus. Sie fühlen sich schlechter behandelt als Autofahrer.

Offenbach – Zunächst die gute Nachricht: Beim jüngsten Fahrradklima-Test des ADFC haben 587 Offenbacher Radfahrer teilgenommen. Zwei Jahre zuvor waren es gerade 224. Es liegt vielleicht darin begründet, dass in Folge der Corona-Pandemie viele das Velo als Fortbewegungsmittel (wieder-)entdeckt haben. Aus Sicht der Verantwortlichen ist freilich das Ergebnis wenig schmeichelhaft. Für 2020 gab eine 3,6 – die gleiche Schulnote wie 2018. Das lokale Projekt Bike Offenbach mit seinen diversen Fahrradstraßen und -achsen scheint zumindest im Klima-Test kein positives Echo gefunden zu haben...

Offenbach rangiert in Städten von 100.000 bis 200. 000 Einwohner unverändert auf Platz sechs. Für eine Einordnung ist bedeutsam, wie viele Städte in der entsprechenden Größe überhaupt teilgenommen haben – 41. Von Göttingen (Rang 1, Gesamtwertung 3,27) über Salzgitter (Rang 22, 4,12) bis Hagen (Rang 41, 4,86). Auch ein Blick auf die Zahl der Befragten lohnt. In Offenbach haben die „Klima-Tester“ 587 Interviews als Grundlage für ihre Analyse geführt. In Göttingen sind es 708, in Salzgitter 114, in Hagen 363.

Offenbach: Radverkehr wichtig für Mobilität geworden

Die lokale Verdopplung der Interviewpartner in Offenbach liegt laut Xavier Marc, stellvertretender Vorsitzender des ADFC Hessen, im Trend: „Der Teilnahmerekord zeigt, wie wichtig der Radverkehr für die Mobilität geworden ist. Die Bedingungen für den Radverkehr zu verbessern, gehört heute zu den großen Aufgaben der Politik.“

Als Stärken ermittelt der ADFC im Städtevergleich für Offenbach: Fahrradförderung in jüngster Zeit, Erreichbarkeit der Innenstadt, Werbung fürs Radfahren. Schwächen: Fahrraddiebstahl, Konflikte mit Kraftfahrzeugen, Falschparkerkontrolle auf Radwegen. Jetzt dürfen die positiven Punkte mal als „weiche Faktoren“ gewertet werden, entscheidender erscheint dem Alltagsradler das, was die „Klimatester“ als negativ herausgearbeitet haben.

Beim Fahrradklima-Test 2020 in Hessen wurde auch das Thema Sicherheit abgefragt: Zum Start des Projekts Fahrradstraßen 2018 war eine kleine Euphorie erkennbar. Inzwischen zeigen die Pfeile wieder nach unten.

Radfahrer in Offenbach fühlen sich nicht als Verkehrsteilnehmer akzeptiert

Da lohnt der Blick auf einige Detailfragen. Etwa: „Bei uns werden Radfahrer als Verkehrsteilnehmer akzeptiert.“ In Schulnoten geben 17% eine 4, 27% eine 5 und 15% eine 6 – im Schnitt ist es eine 4,0. Da müsste an der Bildungseinrichtung wohl wiederholt werden... Angesichts des kontinuierlichen Ausbaus von Fahrradstraßen (Senefelder-Quartier, Nordend, Bürgel) sollte man annehmen, dass „man auf der Fahrbahn gemeinsam mit den Autos zügig und sicher Rad fahren“ kann. Von wegen! Das (stets subjektive) Empfinden sagt da etwas anderes: 17% der Befragten beurteilen das mit einer 4, 28% mit einer 5 und 29% mit 6, also ungenügend. Auf der Skala ist diese Note auch definiert mit: „ ... wird man auf der Fahrbahn bedrängt und behindert“.

Noch katastrophaler ist das Urteil für Offenbach bei folgendem Punkt: „Bei uns überwacht die Stadt bzw. Gemeinde streng, dass Autos nicht auf Radwegen parken.“ 14% votieren mit einer 4, 26% mit einer 5 und 39% mit einer 6. Das gibt eine Durchschnittsnote von 4,9. Und ein deutliches Daumen runter für die kommunale Verkehrskontrolle. Ins Bild passt da ein aktuelles Schreiben von Leser Michael Kreienberg.

Radfahrer in Offenbach beklagt Parken auf Fahrradstreifen

Er hat der Stadt Offenbach angezeigt, „dass das ordnungswidrige Dauerparken im Halteverbot auf dem Radstreifen entlang des Neubaus Goethequartier einen nicht hinnehmbaren gesetzlosen Zustand darstellt, der täglich zu unnötigen Verkehrsgefährdungen führt. Werktags wird der Radstreifen von Nutzfahrzeugen der Handwerker zugeparkt, nachts und am Wochenende wird der Radstreifen für Anwohnerparken missbraucht“.

Er bittet die Stadtpolizei in Offenbach erneut, tätig zu werden – die derzeitige Situation sei inakzeptabel. „Denn tatsächlich ist es so, dass die im Halteverbot parkenden Fahrzeugführer ihr Handeln mit großem Selbstbewusstsein verteidigen und irrtümlich davon ausgehen, dass es sich um einen Parkstreifen handelt, auf dem man tagelang sein Fahrzeug abstellen kann“, schreibt er. Die knappe Antwort seitens der Verwaltung: „Die Stadtpolizei wird sicherlich nach ihren zeitlichen Möglichkeiten tätig.“

Radfahrer in Offenbach nicht gleichberechtigt zu Autofahrern

Es ist einer der Punkte, die den lokalen ADFC zur Forderung veranlasst: „Bei der Fahrradförderung darf Offenbach nicht nachlassen, sondern weitere Projekte starten.“ Um eine fahrradfreundliche Stadt zu sein, müsse sich viel an der Mentalität ändern. „Der Radverkehr muss in der Verwaltung mitgedacht werden und die Interessen als gleichwertig zu anderen Verkehrsteilnehmern gesehen werden“, heißt es in einer Mitteilung. Hier komme es stark auf den politischen Willen an.

Hier hofft der ADFC darauf, dass Offenbach „den Mut und die Lust“ dazu hat, die Stadt in den nächsten fünf Jahren radverkehrsfreundlicher umzugestalten. Die Verkehrspolizei könne für ein besseres Miteinanders auf den Straßen sorgen. „Hier ist die Fahrradstaffel aus Frankfurt ein gutes Vorbild.“ (Martin Kuhn)

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