Nepp bei den Selbstzahler-Leistungen

Ärzte empfehlen immer öfter individuelle Gesundheitsleistungen

Offenbach - Hautkrebs-Vorsorge, Akupunktur-Behandlung und Knochendichte-Messung: Jeder vierte Patient bekommt von seinem Arzt inzwischen „Individuelle Gesundheitsleistungen“ (IGeL) angeboten. Sie sollen helfen, Krankheiten früher zu erkennen oder eine bessere Therapie ermöglichen.

Verbraucherschützer sind beunruhigt: Bei der Abrechnung von sogenannten Selbstzahler-Leistungen betrügen einige Ärzte ihre Patienten. Recherchen ergaben: Die Mediziner bieten gesetzlich Versicherten die von den Krankenkassen bezahlte Leistung mit unzulässigen Zusatzkosten an, kassieren also doppelt. Das Problem dabei: Die Krankenkassen bezahlen dafür nicht. Für Patienten stellt sich dann oft die Frage: Nepp oder Segen? Zudem wissen nur die wenigsten gesetzlich Versicherten genau, welche Leistungen ihre Krankenkasse bezahlt. Das nutzen betrügerische Ärzte jetzt offenbar in großem Stil aus – und kassieren gleich doppelt ab. Dies ergaben Recherchen der „Welt am Sonntag“ (WamS).

Demnach ermittelt die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft derzeit in einem besonders umfangreichen Fall: Eine große Praxis für Gastroenterologie hatte demnach von Tausenden Patienten über Jahre hinweg bei Magen-Darm-Spiegelungen jeweils 40 Euro Zusatzgebühr für eine Vollnarkose verlangt, obwohl diese Leistung bereits von deren Krankenkassen bezahlt wurde. Solche Doppelabrechnungen seien auch in anderen medizinischen Fachrichtungen verbreitet, berichten Experten der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Etwa bei Augenärzten: Gemeinsam mit ihren Kollegen in Berlin und Rheinland-Pfalz nahmen sie im vergangenen Herbst rund 200 Augenärzte unter die Lupe. Das Ergebnis: Etwa die Hälfte aller Praxen verlangte zwischen zehn und 18 Euro für eine Sehstärkenbestimmung oder die Aushändigung der ermittelten Werte an die Patienten. Beides wird bereits durch die Krankenkassen abgedeckt.

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Ein ähnliches Ergebnis ergab eine Testreihe bei Dermatologen: Jeder fünfte von knapp 200 bot die Untersuchung mit bloßem Auge - eine Kassenleistung - entweder gar nicht oder nur gegen Privatzahlung an. Um Patienten davor zu schützen, hält der Vorstand des Verbraucherzentralen Bundesverbandes, Klaus Müller, deshalb gesetzlich vorgeschriebene Bedenkzeiten für Selbstzahler-Leistungen für sinnvoll. „Ad-hoc-Entscheidungen im Behandlungszimmer sind nicht zumutbar. Der Patient muss ausreichend Bedenkzeit für eine IGeL-Leistung haben“, wird Müller von der „Welt am Sonntag“ zitiert. Nur so ließen sich Geschäft und medizinische Versorgung klar voneinander trennen. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), dagegen hält nach Angaben des Blattes nichts von einer gesetzlich vorgeschriebenen Bedenkzeit, Dies sei für gesetzlich Versicherte zu aufwändig: „Sie müssten künftig zweimal statt einmal zum Arzt gehen.“

psh

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