Ärzte wurden in Klinik zu Tätern

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Alt-Oberbürgermeister Walter Buckpesch enthüllte die Stele im Foyer des Dr.-Rebentisch-Zentrums.

Offenbach ‐ In der Zeit des Nationalsozialismus lernten Schulkinder, dass es Mitmenschen gibt, deren Leben wertlos oder gar schädlich sei. Auch in Offenbach sind nach dieser Logik Menschen ermordet und zwangsweise sterilisiert worden. In den Städtischen Kliniken wird jetzt an diese Opfer erinnert. Von Lothar R. Braun

Die Kliniken folgten damit einer Anregung der Geschichtswerkstatt Offenbach und der von Professor Manfred Bauer gegründeten Psychiatriestiftung. Im Foyer des Dr.-Rebentisch-Zentrums trifft der Besucher jetzt auf eine rund zwei Meter hohe und 60 Zentimeter breite Stele aus schwarzem Stein. Sie trägt die Inschrift: „Hier wurden von 1934 bis 1944 mehr als 120 Menschen unter Zwang und mit Gewalt sterilisiert. Sie wurden an Leib und Seele verstümmelt. Einige starben.“ Frauen, Männer und Kinder im Alter von zehn bis 61 Jahren wurden Opfer einer verbrecherischen Vorstellung von Volksgesundheit, die sie als schwachsinnig oder erbkrank bezeichnete. Täter waren Ärzte, Richter, Pfleger, Hebammen, Lehrer und Anstaltsleiter. Der gleichen Ideologie folgend wurde das Leben von mindestens 80 Offenbachern für unwert erklärt. Ihre Ermordung in der Anstalt Hadamar erfolgte unter ärztlicher Anleitung und auch von ärztlicher Hand.

Alt-Bürgermeister enthüllt Denkmal

Das darf sich nicht wiederholen. Gegen jede Verletzung der Menschenwürde muss Widerstand geleistet werden“, hieß es bei der Feierstunde am Montag. Als einer der Initiatoren durfte Alt-Oberbürgermeister Walter Buckpesch das Denkmal enthüllen. Gestaltet hat es der Bildhauer und Steinmetz Michael Schneider aus indischem Synit. Die Textzeilen enden abrupt an einer Abbruchkante, die das jähe Lebensende symbolisiert. Das lässt neben dem Text eine leere Fläche als Zeichen des nicht mehr gelebten Lebens.

Schneider erläuterte sein Werk vor zahlreichen Gästen, die von Klinikum-Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt begrüßt worden waren. Es erfülle ihn mit Trauer und Bestürzung, dass sich damals auch in seinem Haus Mitarbeiter schuldig gemacht haben. „Die Opfer zu ehren“, sagte Schmidt, „kann nur heißen, sich aktiv gegen alle Formen des Faschismus und für die Wahrung von Menschenwürde und Menschenrechten zu engagieren“. Professor Manfred Bauer, der frühere Leiter der Psychiatrischen Klinik, würdigte das Verdienst der Geschichtswerkstatt: „Ohne das Engagement ihrer Mitglieder gäbe es keine Gedenktafel.

Bauer erinnerte an das 1934 in Kraft getretene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, auf dessen Grundlage im damaligen Deutschen Reich etwa 400.000 Menschen unfruchtbar gemacht worden waren. „Dabei handelte es sich um rund ein Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 40 Jahren“, so Bauer. „Dahinter stand die Vorstellung, dass nur durch diese eugenische Radikalkur der Volkskörper gesund gehalten werden könne“. Im Rebentisch-Zentrum befand sich zu jener Zeit die Chirurgische Klinik. „In ihr wurde kranken Menschen geholfen und auf den gleichen Operationstischen am gleichen Tag wurden von der gleichen Besetzung unschuldige Menschen verstümmelt“, sagte Bauer.

Bach-Sonaten begleiteten die kleine Feierstunde

Stadtkämmerer Michael Beseler brachte in Erinnerung, wie seit der Nazi-Machtergreifung eine Vernichtungstreppe aufgebaut worden war, die Schritt für Schritt zur Ermordung von sechs Millionen Juden führte. Als Vorsitzende der Geschichtswerkstatt dankte Barbara Leising den Spendern, die das Denkmal ermöglicht haben. Sie fand es bemerkenswert, dass einer der am menschenverachtenden Geschehen beteiligten Mediziner auch nach dem Krieg noch das Offenbacher Gesundheitsamt leiten durfte. Er sei sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Bach-Sonaten begleiteten die kleine Feierstunde, auf der Violine dargeboten von Ymiko Nodu.

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