Agatha und ihre Eltern

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Anna Agatha Arnoldina Maria Taets van Amerongen

Offenbach - Die Metallplatte gab ihr Geheimnis langsam preis, Buchstabe für Buchstabe, fast genießerisch. Als hätte sie genau um die Hoffnung gewusst, die mit ihr verknüpft war. Und als habe sie beschlossen, Gabriele Schreiber und Bernd Georg erstmal eine Lektion zu erteilen. Von Marcus Reinsch

Schreiber und Georg fügten sich. Die Leiterin der Offenbacher Friedhöfe und der Fotograf unserer Zeitung tränkten einen Lappen mit Spülmittel, wuschen die verkrustete Oberfläche, „bloß nicht zu viel Druck jetzt!“ Massierten Dreck mit zwei Zahnbürsten aus kaum noch spürbaren Vertiefungen, „sanft jetzt!“ Hantierten mit Rostlöser, „vorsichtig jetzt!“ Und wurden nach Stunden des Putzens und der Recherche belohnt.

Es darf als sicher gelten: Die Gebeine, die Bauarbeiter Mittwochmittag vergangener Woche in einer gemauerten Gruft unter dem Wilhelmsplatz entdeckten, sind die sterblichen Überreste einer jungen Adeligen, einer Baroness. Ihr Name: Anna Agatha Arnoldina Maria Taets van Amerongen, Agatha genannt.

Die Metallplatte gab ihre Informationen nur widerspenstig preis.

Geboren vermutlich am 17. Mai 1791 im holländischen Lopikerkapel, gestorben am 14. September 1807 in Offenbach, wurde sie auf dem Areal zur ewigen Ruhe gebettet, das den Offenbachern bis 1832 als Friedhof diente. Viehmarkt, später Wilhelmsplatz mit Wochenmarkt, wurde das Karree erst nach seiner Entwidmung 1866. Auch Agathas Eltern liegen dort begraben; die beiden wenige Stunden nach der Gruft des Mädchens in direkter Nachbarschaft freigelegten Grabkammern lassen sich wohl Joost Baron Taets von Amerongen (1761-1817) und seiner Gemahlin Susanna Arnoldina Taets van Amerongen, geborene van der Goes (1763-1826), zuordnen.

Agatha starb als 18-jährige

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Zunächst hatte es so ausgesehen, dass die Gebeine der drei Menschen namenlos auf einem der Offenbacher Friedhöfe bestattet werden müssten. Und selbst, als das Erdreich um Agathas Gruft doch noch jenen ovalen Zeugen aus der Vergangenheit freigab, war das keine Garantie für einen Sieg über die Anonymität. Schreiber und Georg mussten die Platte nach ihrer Reinigung in einem bestimmten Winkel ins Licht halten, fügten geschwungene Linien zu Lettern zusammen, ließen sich vom Metall auf den Holzweg führen, besorgten „eine Riesenlupe“ aus dem Krematorium, begannen unter ultraviolettem Licht von vorne.

Aus einzelnen Zahlen wurden Daten, die den Schluss nahelegen, dass Agatha nicht wie überliefert 1791, sondern schon 1789 das Licht der Welt erblickte und somit als 18-Jährige starb. Aus dem „Todt am Morgen“, den der Fotograf und die Amtsleiterin zunächst entziffert hatten, wurde „van Amerongen“. Und aus dem Familiennamen wurde eine Spur, die sich teils im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte und im Stadtarchiv, teils in der Deutschen Bibliothek verfolgen ließ.

Agathas Vater gilt als zweiter Besitzer des Puppenhauses

Das Leben derer van Amerongen in Offenbach ist in verschiedenen Schriften dokumentiert. Sehr ergiebig ist vor allem eine Monographie, die die Stadt 1995 herausgab, um ein ursprünglich im damaligen Stadtmuseum und heute im Haus der Stadtgeschichte an der Herrnstraße ausgestelltes Prunkstück in allen Details zu beleuchten: das „Offenbacher Puppenhaus“. Es lässt sich annehmen, dass es der jungen Agatha einst diente, um ihr Leben in der höheren Gesellschaft durchzuspielen. Agathas Vater Joost zumindest gilt als zweiter Besitzer des Puppenhauses, das 1757 gefertigt worden ist.

Die Familie van Amerongen lebte ursprünglich vermutlich im holländischen Utrecht, wo auch die Söhne Gerard Godard (1782-1858), Philip Jacob (1783-1811) und Jan Govert (1785-1853) zur Welt kamen. Ein vierter Sohn, Gerard Arnoud (1787-1851 oder 1853) und Agatha folgten in Lopikerkapel.

Wo heute die Volksbank im ehrwürdigen Bankverein-Haus an der Kaiserstraße residiert, wohnten die van Amerongens.

Es gibt unterschiedliche Informationen zum Zeitpunkt, wann die Familie nach Offenbach übersiedelte. Eine, im Genealogischen Handbuch des Adels, spricht dem Puppenhaus-Katalog zufolge davon, dass Joost Baron Taets van Amerongen schon 1788 als politischer Flüchtling kam - wogegen das Agatha zugeschriebene Geburtsjahr 1791 und ihr Geburtsort in Holland sprechen. Eine andere Quelle berichtet, dass der Baron im Dezember 1791 mit zwei Partnern unter dem Namen „Geelvinck, Amerongen & Co.“ die erste Offenbacher Rauchwarenfabrik an der Schlossstraße gründete.

Die van Amerongens lebten in einem stattlichen Anwesen an der damaligen Ecke Dom- und Kaiserstraße. Heute residiert dort die Offenbacher Volksbank im ehrwürdigen Gebäude des Bankvereins.

Aus alten Bestattungsbüchern hat Gabriele Schreiber mittlerweile rekonstruiert, dass eine Nichte Agathas, die Tochter ihres ältesten Bruders Gerard Gofard, auf dem heute als Alter Friedhof bekannten Gottesacker an der Friedhofstraße begraben wurde. Ob es Grab oder zumindest Grablage noch gibt, wollen Schreiber und der Sprecher des Stadtdienstleisters ESO, Oliver Gaksch, nun herausfinden. Denn an dieser Stelle sollen die Gebeine aus den Grüften unter dem Wilhelmsplatz bald im Beisein eines Geistlichen beigesetzt werden. Mit richtigen Namen auf einem richtigen Grabstein, den der ESO spendieren will.

Anna Agatha Arnoldina Maria Taets van Amerongen

In Offenbachs Stadtarchiv findet sich ein Bildnis der Anna Agatha Arnoldina Maria Taets van Amerongen, die am 14. September 1807 starb und auf dem Friedhof begraben wurde, der Jahrzehnte später der Wilhelmsplatz wurde. Als Geburtsdatum wird allgemein der 17. Mai 1791 angenommen, wobei die Entzifferung der Daten auf der zu ihrer Gruft gehörenden Metallplatte eher das Jahr 1789 nahelegt.

Die sterblichen Überreste in den beiden Grüften neben der Agathas dürften zu ihren Eltern gehören - Joost Baron Taets von Amerongen (1761-1817) und Gemahlin Susanna Arnoldina Taets van Amerongen, geborene van der Goes (1763-1826). Außerdem gehörten vier Söhne zum alten niederländischen Adelsgeschlecht, das in Offenbach an der Ecke der damals noch anders verlaufenden Domstraße mit der Kaiserstraße auf einem stattlichen Anwesen samt parkähnlichem Garten lebte.

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