Aids-Hilfe Offenbach

Kampf gegen Vorurteile

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Karl-Heinz Ohnemus und Thomas Lämmert von der Aids-Hilfe Offenbach haben eine Ausstellung vorbereitet.

Offenbach - In der Geschäftsstelle der Aids-Hilfe Offenbach geht es so arbeitsam zu wie an jedem Werktag, doch dreimal in der Woche sind die Abläufe ein bisschen anders. Von Harald H. Richter 

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Während im Büro mancher Papierkram erledigt wird, ist im Raum nebenan Dr. Knut Walter im vertraulichen Gespräch mit einem jungen Mann – nennen wir ihn Patrick. Der 29-Jährige ist zur Aids-Hilfe im zweiten Stock des Hauses an der Frankfurter Straße 48 gekommen, um sich anonym einem HIV-Antikörper-Test zu unterziehen. Ihn plagt das Gewissen, nachdem er vor etlichen Wochen ungeschützten Sex hatte. Nach ausführlicher Erörterung wird ihm etwas Blut für den Test abgenommen. Das Ergebnis liegt im Regelfall am darauf folgenden Werktag vor und wird wiederum vertraulich besprochen. Ist der Test positiv, so besagt dies lediglich, dass eine Infektion mit HIV stattgefunden hat, die später möglicherweise Aids-auslösend ist. Die erforderliche Gebühr von 15 Euro kann in Härtefällen übernommen werden, etwa bei Schülern oder Erwerblosen.

Der HIV-Test hat jedoch erst drei Monate nach einem vermutlichen Risiko einen Sinn. Denn so lange braucht der Körper, bis er nach einer Infektion im Blut genügend nachweisbare Antikörper gegen das Virus gebildet hat. Der Test zeigt zuverlässig an, ob das Immunsystem vor drei Monaten mit HIV zu tun hatte. Über das Risiko des ungeschützten Sexualkontakts von Samstagnacht, der am nächsten Montag Kummer macht, ist hingegen keine verlässliche Aussage möglich.

„Dass sich Hilfesuchende, wie der junge Mann, vertrauensvoll an uns wenden können und nicht im Gesundheitsamt vorsprechen brauchen, liegt daran, dass wir mit der Behörde eine besondere Vereinbarung getroffen haben und gewissermaßen eine hoheitliche Aufgabe wahrnehmen“, sagt Michael Lämmert. Der Soziologe ist einer der beiden Ressortleiter der für die Stadt und den Landkreis zuständigen Aids-Hilfe, die vor genau 25 Jahren in Offenbach gegründet worden ist.

Seit etwa zehn Jahren ist der gemeinnützige Verein mit seinen knapp 50 Mitgliedern Anlaufstelle für Menschen, die eine Testberatung wünschen. Diese schließt sämtliche Krankheiten ein, die durch Sex beziehungsweise Drogen übertragbar sind. Dr. Walter steht dazu montags und mittwochs von 16 bis 18 Uhr als medizinische Vertrauensperson zur Verfügung, außerdem mittwochs vormittags von 10 bis 12 Uhr. In diesem Jahr haben bereits mehr als 400 Menschen von dem Testangebot Gebrauch gemacht. Zu erwarten ist, dass die Zahl bis zum Jahresende auf 500 steigt. „Es besteht ein wachsender Bedarf“, sagt Lämmert.

Neben der Beratung erstrecken sich die Tätigkeitsfelder des Vereins auf die Betreuung von Menschen mit Aids sowie auf den weiten Bereich der Prävention. Aufklärungsarbeit leistet unter anderem Günther Altmann, der auch die soziale wie medizinische Problematik von Betroffenen in deren eigenem Wohnumfeld im Auge behält. Sie bei Hausbesuchen zu betreuen, ist ein wesentliches Anliegen. Schließlich sollen diese Menschen ein möglichst stabiles Leben mit Aids führen können, zumal sie im Alter verstärkter Zuwendung bedürfen. Für die Aids-Hilfe Offenbach bedeutet betreutes Einzelwohnen eine konsequente Fortführung der bisherigen Arbeit mit HIV-positiven Menschen.

„Obwohl die Bevölkerung um die Aids-Problematik weiß, bestehen noch immer die alten Bilder voller Vorurteile“, sagt Karl-Heinz Ohnemus, gleichfalls in der kollektiven Geschäftsführung tätig. Daher will der Verein demnächst mit Ausstellungen in Offenbach und Neu-Isenburg das Wissen in Zusammenhang mit HIV und Aids auf den neuesten Stand bringen. „Wussten Sie eigentlich?“ lautet die knappe Fragestellung, auf die zahlreiche informative Schautafeln Antworten geben sollen. Anhand von Plakaten mit zum Teil herausfordernden Slogans können die Besucher der Ausstellungen in den Rathäusern beider Städte bis kurz vor Weihnachten Wissenswertes zum Thema erfahren und sich auch über Neuigkeiten zu Vermeidungsmöglichkeiten von Infektionen informieren.

„Wir wollen unsere Arbeit damit noch greifbarer machen“, begründet Soziologe Lämmert die dahinter stehende Absicht. Er hofft, dass insbesondere Schulklassen sich beim Besuch einen nachhaltigen Eindruck verschaffen. Ohnehin möchte die AIDS-Hilfe in den örtlichen Bildungseinrichtungen verstärkt für ihre Sache werben. Speziell darum kümmert sich daher seit Mitte Oktober mit Barbara Schwab eine neue Mitarbeiterin. Sie wird im bislang männerdominierten Führungskreis zugleich die Arbeit für und mit Frauen intensivieren und steht der weiblichen Klientel als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Frauen mit HIV und heterosexuelle Männer begegnen einander jeden ersten und dritten Montag im Monat um 16 Uhr im kreativen „Frauencafé Plus“.

Die Mitarbeiter der Offenbacher Aids-Hilfe wünschen sich in der Gesellschaft einen offeneren Umgang mit dem Thema. Die neue Vereinsvorsitzende Egilde Ulrich sagt: „Wer sich als HIV-positiv outet, muss leider nach wie vor damit rechnen, stigmatisiert zu werden.“ Die Bevölkerung hinke mit ihrem Wissen um Aids weit hinterher. „Über eine Krebserkrankung kann man freimütig reden, ohne auf Ressentiments zu stoßen, über HIV leider nicht“, beklagt sie. Es gehe darum, die Schamgrenzen zu senken, damit solche Dinge offen ausgesprochen werden können. Sich als Betroffener an den Verein zu wenden und dessen Beratung zu nutzen, räume zwar nicht sämtliche Alltagsprobleme aus dem Weg, man treffe aber auf verständnisvolle Menschen, die Erfahrung im Umgang mit dem Tabuthema hätten, meint die Vorsitzende.

Arbeit auf der Straße leistet nach wie vor Robert Beckmann, Projektleiter Streetwork Prävention und im „Café Positiv“ tätig. Dabei handelt es sich um eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit HIV und Aids, die sich jeweils am zweiten Freitag ab 14 Uhr trifft. Dieser regelmäßige Termin dient insbesondere dem Kennenlernen anderer Betroffener und dem Austausch untereinander.

„Cruising Coop“ nennt sich ein Projekt der Aids-Hilfen Offenbachund Hanau. Ein fester Stamm von ehrenamtlichen Mitarbeitern ist in regelmäßigen Abständen auf bekannten Cruising-Parkplätzen im Umland präsent und informiert direkt über Safer Sex, berät zu Testmöglichkeiten und verteilt Kondome. Unterstützt wird dieses Konzept vom Verein Homosexuelle Selbsthilfe.

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