Leben mit HIV positiv gestalten

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Michael Lämmert zeigt einige Stücke, die bei der Ausstellung der Aids-Hilfe zu sehen sind.

Offenbach - Esmeralda liebt Verlockungen. An ihrem farbenfrohen Verkaufsstand wickelt sie Rastalocken ins Haar. Eine Arbeit, die ihr Spaß macht – auch wenn sie nicht viel einbringt. Friseurin konnte sie nicht werden wegen ihrer Krankheitsschübe. Esmeralda hat Aids. Von Veronika Szeherova

Genau wie Ferenc, Roland und all die anderen Menschen, mit denen es das Schicksal selten gut gemeint hat. Die aber nicht ihren Kopf in den Sand gesteckt haben. Wie sie es geschafft haben, trotz der niederschmetternden Diagnose ihr Leben mit Freude und Sinn zu füllen, zeigen sie bei einer Ausstellung der Aids-Hilfe Offenbach. Ihr Titel: „Das kann doch nicht alles gewesen sein, das muss doch noch irgendwo hingeh’n“.

Ausweg- und Perspektivlosigkeit, Verlust von Würde – HIV-Positive machen eine Gefühlsachterbahn durch, die oft in Depressionen mündet. Und in Armut. Der schubweise Krankheitsverlauf und die anstrengenden Therapien verhindern es, am normalen Arbeitsmarkt teilzuhaben. Und die finanzielle Notlage macht es noch schwerer, einen Ausweg zu finden. „In dieser Situation sind viele, die wir betreuen“, sagt Michael Lämmert, Vorsitzender der Aids-Hilfe Offenbach.

Zustand der Hilflosigkeit

„Durch die Krankheit kommen sie aus einem normalen Leben in einen Zustand der Hilflosigkeit, das empfinden sie als Kränkung und Demütigung“, so Lämmert. Daher sei es ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts, die Menschen dazu zu bringen, nach vorn zu schauen und ihr Leben mit Inhalt füllen. Für die Therapie spielt die Sinnstiftung eine entscheidende Rolle. „Wer noch etwas vorhat, stabilisiert sich“, weiß Lämmert. „Dieses positive Gefühl ist sehr wichtig.“

Die Ansätze dafür sind ganz unterschiedlich. „Wir schauen, welche Kompetenzen die Menschen haben, und überlegen gemeinsam, was man daraus machen kann.“ So sollen sich Wege zu neuen Arbeitsfeldern, Ausbildungen, Ausrüstungen, Materialien oder Vermarktungen eröffnen. „Die Klienten bekommen ein Stück neue Identität“, so der Vorsitzende. Wie das zu konkreten Lebensentwürfen wird, die sogar eine bescheidene wirtschaftliche Existenz ermöglichen, verdeutlicht die Ausstellung.

Kunsthandwerk, Kerzen oder Rastazöpfe

In kurzen Texten erzählen die Betroffenen anonymisiert von sich und ihren Ideen, zeigen Fotos oder Gegenstände, die sie selbst hergestellt haben, wie Kunsthandwerk, Kerzen oder Rastazöpfe. Manche bieten Dienstleistungen an. So ließ sich eine Frau zur Ernährungsberaterin ausbilden, ein Mann möchte seinen Bus-Führerschein machen und Fahrdienste anbieten, eine Gruppe von vier afrikanischen Zuwanderinnen lernte das Dolmetschen. Mit einem kleinen Bio-Gemüsebauernhof mit Hühnerhaltung hat sich eine Aidspatientin einen Traum erfüllt, eine andere arbeitet im Catering.

Einige gehen offensiv mit ihrer Krankheit um und arbeiten etwa in der Prävention. Sie leisten Aufklärung in sozialen Einrichtungen und Schulen, aber auch im Internet, in Pornokinos und auf Szene-Parkplätzen. „Betroffenenkompetenz“ nennt es der Fachmann.

„An Geld fehlt es immer“

Etwa 50 Personen betreut die Aids-Hilfe. „An Geld fehlt es immer“, sagt Lämmert, der seit 17 Jahren für den Verein tätig ist. „Ohne Spenden geht es nicht.“ Ende 2011 bekam er für sein Beschäftigungsprojekt einen Fonds vom Sparkassen- und Giroverband Hessen in Höhe von 3500 Euro. „Die Ausstellung ist ein Einblick in unsere Arbeit und der Nachweis, was wir mit dem Geld gemacht haben.“

Die Schau der Aids-Hilfe Offenbach, Frankfurter Straße 48, ist für Besucher offen zu den Bürozeiten und nach Vereinbarung unter Telefonnummer 069/883688.

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