Deutschland: 78.000 Menschen HIV-infiziert

Viel geschafft, noch viel zu tun

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Doreen (33) ist Botschafterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und HIV-positiv.

Offenbach - 30 Jahre ist es her, dass Waltraud bei einer Hüft-Operation durch ein Blutgerinnungsmittel mit dem HI-Virus infiziert wurde. Erst 1989 erfährt sie davon. Seit mehr als 20 Jahren nimmt sie Medikamente und leidet unter Nebenwirkungen und Folgeerkrankungen.

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Waltraud hat sich jahrelang in der Prävention engagiert, heute lässt ihre Gesundheit dies kaum noch zu. Die siebenfache Oma warnt erwachsene und vor allem junge Menschen davor, das Thema und das Risiko HIV auf die leichte Schulter zu nehmen. Und sie ist ein Beispiel dafür, dass AIDS („Acquired Immune Deficiency Syndrome“) jeden treffen kann.

Auch Doreen will sich nicht in eine Schublade stecken lassen. Die 33-Jährige trägt das HI-Virus in sich und ist damit eine von etwa 78.000 HIV-Positiven in ganz Deutschland. Schätzungsweise 14.000 Menschen in Deutschland leben mit noch nicht diagnostizierter HIV-Erkrankung. „Wenn die Menschen Aids oder HIV hören, gehen bei Vielen immer noch die Schubladen schwul oder drogenabhängig auf“, sagt sie. „Aber so ist es nicht.“ Diese starren Denkmuster stören die junge Frau, die sich mutig in ihrer Firma als HIV-positiv geoutet hat. Zwei Drittel der Virusträger in Deutschland sind berufstätig. „Es darf nicht sein, dass Menschen an ihrem Arbeitsplatz wegen einer HIV-Infektion diskriminiert werden“, wendet sich daher Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) gegen Stigmatisierung und lobt als beispielgebend Doreen, die von ihren Arbeitskollegen Rückhalt erfahren hat, eben weil sie offen und geradlinig über ihren erworbenen Immundefekt aufgeklärt hat.

Fakt ist, dass sich bundesweit etwa 51.000 Menschen durch ungeschützten homosexuellen Geschlechtsverkehr infiziert haben, rund 17.000 durch heterosexuelle Kontakte. Außerdem steckten sich über 8000 Menschen bei intravenösem Drogenkonsum an. Aktenkundig sind aber auch Hunderte Fälle infolge Mutter-Kind-Transmission und Bluttransfusionsempfang. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts haben sich im vergangenen Jahr 3400 Menschen neu infiziert. Etwa ein Drittel gehört zur Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen. In Hessen leben etwa 6500 Menschen mit dem HI-Virus.

In der Altersgruppe der über 40-Jährigen hat sich die Zahl der mit HIV lebenden Personen seit Anfang der 1990er-Jahre bundesweit fast verfünffacht. Grund: Die antiretroviralen Therapie führte dazu, dass Menschen mit einer HIV-Infektion immer länger leben. Gleichzeitig bleibt aber die Zahl der HIV-Neuinfektionen auf hohem Niveau. Etwa ein Drittel wird bereits im ersten Jahr nach der Infektion erkannt, die Mehrzahl der Diagnosen jedoch erst später gestellt, etwa wenn klinische Symptome durch die Schwächung des Immunsystems auftreten. Aufgrund guter Behandlungsmöglichkeiten haben Menschen mit HIV in Deutschland heute eine annähernd normale Lebenserwartung. Viel geschafft, aber noch genug zu tun – auf diesen Nenner bringen die Verbände, die in der Aids-Hilfe tätig sind, ihre Arbeit.

hhr

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