Ein Airbag als Fluchthelfer

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Szene eines Taxi-Alltags: Der Fahrer, hier Enkel Ady Wehner, zückt die Brieftasche. Der Fahrgast, hier Chef und Großvater Addy Wehner, beobachtet den Vorgang von der Rückbank aus. Die Polizei rät Taxifahrern dazu, nur kleines Wechselgeld mit sich zu führen.

Offenbach ‐ Angst ist für Addy Wehner ein Fremdwort. Ein Begriff, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. In seinem Job als Taxifahrer sicherlich nicht die schlechteste Eigenschaft. Von Jörn Polzin

Selbst die jüngsten brutalen Überfälle auf Taxifahrer in Offenbach und Neu-Isenburg schrecken den Mitinhaber vom Offenbacher Unternehmen Taxi-Ruf nicht ab. Angst wäre seiner Meinung nach auch ein schlechter Ratgeber. „Früher hatte ich keine Probleme, weil ich stark war“, erinnert sich der ehemalige Ringer. „Heute weil ich alt bin“, fügt er schmunzelnd an.

Die Gefahr auf den Straßen will er nicht herunterspielen. Aber: Wer sich an gewisse Regeln halte, dem passiere im Normalfall nichts. „Ich lasse niemals einen einzelnen Fahrgast hinter mir sitzen, täusche bei auffälligen Menschen ein Gespräch mit der Zentrale vor und halte mich immer da auf, wo es hell ist.“

80 Prozent der Übergriffe ließen sich damit vermeiden, davon ist das Offenbacher Original überzeugt. Seit 1967 ist er mit diesen Grundsätzen im wahrsten Sinne gut gefahren. Mittlerweile sei dies längst in einen Automatismus übergegangen.

Bei Fahrservice auf Abruf ist Geld knapp

Auch für den Ernstfall hat er sich Gedanken gemacht. Seine etwas unkonventionelle Idee: Den Airbag aktivieren, das Überraschungsmoment nutzen und schnell das Weite suchen. „Die wenigen Sekunden, in denen der Ganove von dem Geräusch irritiert ist, sollten reichen, um zu fliehen.“ Zudem habe die Methode einen wirksamen Nebeneffekt. Es wird ein möglicher Fehlalarm vermieden, der die Taxi-Unternehmen teuer zu stehen kommen könnte.

Denn auch beim Fahrservice auf Abruf ist das Geld knapp. „In Schutzmaßnahmen wird kaum etwas investiert“, sagt Wehner, der sich da nicht ausnimmt. So lange Regeln – wie einst der Einsatz von Trennscheiben – nicht vorgeschrieben würden, rühre niemand einen Finger. Grundsätzlich lasse sich nur im Kollektiv etwas erreichen, beispielsweise die Preise für technische Ausstattung über Mengenrabatte drücken. Die abschreckende Wirkung von Videokameras, die Vorgänge im Innenraum aufzeichnen, bezweifelt Wehner nicht. „Aber sie schützen auch nicht wirklich.“ Zehn bis 15 Prozent der landesweit rund 4 000 Fahrzeuge sind nach Einschätzung der Experten mit Überwachungskameras ausgestattet.

Gelegenheits-, nicht Serientäter

Wehner und Kollege Manfred Winter setzen lieber auf das ernste Wörtchen. „Vieles lässt sich durch Reden regulieren“, sagt Winter, der allerdings auch andere Einzelfälle kennt. So habe es einen Mitarbeiter einmal – im wahrsten Sinne – faustdick getroffen. Ohne Vorwarnung sei er von Jugendlichen angegriffen und mit Schlägen malträtiert worden. Ein typisches Offenbacher Problem sieht Winter nicht. Sich mit einer Waffe für den Notfall zu schützen, kommt für beide nicht in Frage.

Auch Polizeisprecher Bernd Fenske rät den Fahrern davon ab. „Die Eigengefährdung ist viel zu groß, da der Fahrer seinen Wagen unter Kontrolle halten muss.“ Eine Anhäufung von Übergriffen auf Taxifahrer in der dunklen Jahreszeit habe er in Offenbach nicht feststellen können. Es handele sich um Gelegenheits- nicht um Serientäter wie unlängst in Berlin.

Dort hatte ein Täter – immer nach dem gleichen Muster – fünf Raubüberfälle auf Taxifahrer begangen und diese nun gestanden. Fenske empfiehlt den Kutschern genau hinzusehen, wer da bei ihnen einsteigen möchte und besonders bei betrunkenen Fahrgästen vorsichtig zu sein. Addy Wehner sieht’s locker. „Wenn mich einer beschimpft, schlucke ich das und fahre einfach weiter.“

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