Umzug verhindert seit Monaten Zugriff auf Testamente

Chaos am Nachlassgericht: Akten in Kartons vergraben

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Aktenstau im Amtsgericht: Weil das Archiv umgesiedelt wird, haben Betroffene seit fast einem halben Jahr kein Zugriff auf Testamente verstorbener Angehöriger.

Offenbach - Erneut mit enormen Problemen zu kämpfen hat derzeit das Offenbacher Nachlassgericht. Nachdem es dort im Frühjahr 2015 an Personal mangelte, sorgt nun der Umzug des Archivs für Ärger. Wer an das Testament eines Angehörigen möchte, für den sieht es momentan schlecht aus. Von Sarah Neder

Die Klage einer Leserin aus Mühlheim steht vermutlich exemplarisch für das Chaos, das Angehörige wohl noch bis April erwarten dürfen: Die Mutter der Mühlheimerin starb im Januar 2015, das Erbverfahren ist bis heute offen. Zwar hatte sich die Tochter, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, auf lange Wartezeiten am Nachlassgericht eingestellt. Dass sie fast 15 Monate später immer noch keinen Erbschein besitzt, hätte die Rentnerin aber nicht gedacht. Der Ärger über das Nachlassgericht ist nicht neu: Im vergangenen Frühjahr hatten sich mehrere Betroffene bei unserer Zeitung gemeldet und über extrem lange Wartezeiten auf Testamente, Erbscheine und Eröffnungsprotokolle sowie schlechte Erreichbarkeit und gestresste Mitarbeiter berichtet. Ursache des damaligen Arbeitsstaus war Personalmangel. Ein Problem, das laut Amtsgerichtspräsident Stefan Mohr weitgehend entschärft werden konnte. Wer einen Blick ins Internet wagt, findet dort eine Fülle von neueren Beschwerden über die langsame Arbeit des Nachlassgerichts. Woran hakt es dann aktuell?

Nachdem die Mühlheimerin über Monate hinweg keine Antwort auf ihren Eröffnungsantrag bekommen hatte, befürchtet sie, der Brief sei nicht angekommen. Sie rief im Nachlassgericht an. „Dort hat man mir erzählt, dass zur Zeit keine Akten aus dem Archiv geholt werden können“, schildert die Angehörige ungläubig. Am anderen Ende der Leitung erklärte man, es sei momentan unmöglich, an das 1989 eingereichte Testament der verstorbenen Mutter zu gelangen. Das Erbverfahren könnte deshalb nicht abgewickelt werden. Amtsgerichtspräsident Stefan Mohr bestätigt: „Unser Archiv zieht gerade um.“ Seit Anfang Dezember seien eine externe Firma und Teile des eigenen Personals damit beauftragt, Akten in Kartons zu lagern und diese in neu angemietete Räume zu befördern. Die Rede ist von insgesamt 780 laufenden Metern Papier. Die Dokumente reichen bis in die 1930er-Jahre zurück. „Es sind Unmengen“, macht Mohr deutlich.

„Wir platzen aus allen Nähten“

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Grund für die Akten-Umsiedlung sei akuter Raummangel: „Wir platzen aus allen Nähten“, schildert Mohr eindringlich. Papiere lagerten zwischenzeitlich sogar in leerstehenden Dienstzimmern. Zusätzlich angemietete Archivräume im Gebäude an der Kaiserstraße müssten außerdem erst durch spezielle Belüftung zu geeigneten Lagerstätten für die Papiere umgebaut werden. Die laufende Aktion dauere etwa noch bis April, schätzt Mohr vorsichtig. Allerdings sei in den kommenden Jahren eine Auslagerung des Archivs nötig. Als Lager sollen die Räume des ehemaligen Abschiebeknasts an der Luisenstraße dienen. „Das befindet sich bereits in der Planung“, verrät Mohr.

Im Moment müssen sich Angehörige gedulden. Dabei gilt: Umso älter das Testament, desto schlechter stehen die Chancen, darauf zugreifen zu können. „Nur in dringenden Ausnahmen können wir früher handeln“, meint der Amtsgerichtspräsident. Über solche Notfälle weiß Erbrechtsexperte Stefan Hering von der Anwaltskanzlei Knolle Bescheid. Wenn Angehörige nicht an das Testament kämen, könne das zu allerlei „praktischen Problemen“ führen, so Hering. Hinterlässt der Verstorbene etwa eine Wohnung, ist es für Nachkommen ohne schriftlichen Beweis unmöglich, in diese hinein zu kommen.

Auch der Mühlheimerin beschert das lange Warten aufs Testament so manches Problem. Ohne die schriftliche Ermächtigung kann sie beispielsweise nicht auf die Konten ihrer verstorbenen Mutter zugreifen. Dort schlummerten zwar keine horrenden Beträge, sagt die Rentnerin, aber sie könne mit dem Geld wenigstens einen Teil der Beerdigungskosten ausgleichen.

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