Freude über kleine Dinge

+
Brot und Croissants spenden die Bäckereien. Insgesamt kostet jede Aktion 60 000 Euro, die vollständig aus Spenden finanziert werden. Im Bild die ehrenamtlichen Helfer Karla Ludwig, Karl-Heinz Kosch und Monika Wingenfeld.

Offenbach - Im Versammlungsraum der Frei-religiösen Gemeinde am Schillerplatz sind alle Stühle belegt. Pünktlich um halb eins startet die Ausgabe des Mittagessens. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Heute stehen Fleischklößchen mit Gemüsenudeln auf dem Speiseplan, zubereitet in der Großküche des Ketteler-Krankenhauses. Früher haben die Mitarbeiter der Ökumenischen Initiative „Soziale Not in Offenbach“ selbst gekocht. Doch seit die Gästezahl auf durchschnittlich 100 gestiegen ist, können die fleißigen Ehrenamtler die Nahrungsmengen in den kleinen Gemeindehausküchen nicht mehr bewältigen.

Zum 20. Mal wiederholt sich derzeit die Erfolgsidee „Essen und Wärme für Bedürftige“. Zwölf Innenstadtgemeinden nehmen in diesen Winter teil – täglich seit dem 5. November und noch bis zum 17. März.

Seit 2003 Stammgäste

Brigitte und Hans Gleich sind seit 2003 Stammgäste. Sie schätzen die Atmosphäre, spüren, dass die Bezeichnung „Wärme“ nicht nur im physikalischen Sinne gemeint ist. „Das Essen ist gut, manchmal für einen Erwachsenen etwas wenig“, beurteilt die 59-Jährige. Beide haben keine Scham zu erzählen, warum sie regelmäßig die aus Spenden finanzierten Mahlzeiten annehmen (müssen). Der 61-Jährige: „Ich bin seit zehn Jahren wegen eines Bandscheibenvorfalls und Diabetes Frührentner, meine Frau nach einer schweren Lungenoperation Hartz-IV-Empfängerin. Zusammen bleiben uns nach Abzug aller festen Kosten 450 Euro im Monat.“

Das Ehepaar wohnt auf dem Buchhügel, Hans nimmt das Fahrrad, Brigitte wegen ihrer Gehbehinderung den Roller, um „Essen und Wärme“ zu erhalten. Auch die beiden erwachsenen Söhne sind vom Leben nicht reich beschenkt worden. Einer ist behindert, der andere krank. Um letzteren kümmert sich Brigitte täglich. Viele selbstverständliche Dinge wie Hobbys und Urlaub waren für die Offenbacher immer schon Luxus, Hans konnte als Lagerarbeiter auch vor seiner Rente keine Reichtümer anhäufen. „In den vergangenen 36 Jahren sind wir zweimal verreist, eine Woche nach Ungarn und drei Tage in den Harz“, berichtet Brigitte.

Ente mit Rotkraut und Klößen

Gut gelaunt wirkt das Ehepaar trotzdem. Und freut sich über die kleinen Dinge. Brigitte: „Nächsten Sonntag wird wieder wie an jedem 2. Advent das Essen vom Lions-Club Frankfurt gestiftet. Da gibt es Ente mit Rotkraut und Klößen und Musik von einem Alleinunterhalter. Das ist immer sehr schön!“

Rückblende. Das Frühjahr 1993. Nach einem außergewöhnlich strengen Winter sind sich die Vertreter der Innenstadtgemeinden schnell einig: Im nächsten Winter soll es jeden Tag eine warme Mahlzeit für Obdachlose und Bedürftige in der Stadt geben. Günter Krämer, damaliger Pfarrer der Französisch-reformierten Gemeinde: „Es wurde viel häufiger als sonst bei uns geklingelt. Ich weiß nicht, warum plötzlich soviel mehr Menschen in Not waren. Für mich stand fest: Wir müssen etwas tun.“

Ohne Zuschüsse ist das Vorhaben unmöglich

Ohne öffentliche und kirchliche Zuschüsse, ohne Raum und Mitarbeiter erschien das Vorhaben zunächst unmöglich. Doch schon sehr bald fanden sich genügend Helfer, die Krämers Idee mit ausreichend Geld, Raum und Händen unterstützten. Anfangs nahmen drei Gemeinden teil, heute sind es bis zu 14. Bereits nach Ende der ersten Aktion kamen im Durchschnitt 60 Tischgäste.

Das Konzept hat sich bewährt: Für einen Euro erhalten Bedürftige Kaffee, Tee, Gebäck, ein Mittagessen und zum Mitnehmen für zu Hause zwei belegte Brötchen und ein Stück Obst. Darüber hinaus – was viele als noch wichtiger empfinden – menschliche Wärme. Durch das Gespräch miteinander und einer Begegnung in Würde wird ihnen Geborgenheit geschenkt. Seit 2009 kommt einmal in der Woche Caritas-Mitarbeiterin Anke Besslich-Bechtold, setzt sich zu den Gästen und wirbt für eine Lebensberatung bei dem Wohlfahrtsverband. Weitere Informationen: www.essen-und-waerme.de.

Kommentare