Aktionswoche „Handeln mit Seele“

Prägend für die Innenstadt

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100 Jahre und noch älter: Sarah Baumann mit Gebäck und Georg Heberer mit Rezeptbuch, Franziska Hoefer (Apotheke zum Löwen) im Kostüm der Urgroßmutter mit Skulpturmodell, Stefan Becker im Anzug aus dem Modehaus M. Schneider, Annette Laier mit Kaffeeröster, Hans-Jörg André mit Mozart-Noten, Helma Fischer (Steinmetz’sche Buchhandlung) mit Lexikon von 1901, Katrin van de Loo (Schwanen-Apotheke) mit Arzneibehältern und Johannes Kitzinger mit Biedermeier-Blumenstrauß.

Offenbach - Gute Nachricht in einer Zeit, in der Innenstädte von Filialisten geprägt sind: Es gibt sie noch, die Offenbacher Traditionsgeschäfte! Acht von ihnen, die mindestens 100 Jahre alt sind, haben sich zu der Aktion „Handeln mit Seele“ zusammengeschlossen. Jetzt starten sie eine Aktionswoche. Von Markus Terharn

So viele Hundertjährige – das hat Seltenheitswert. „Wir haben uns doch sehr gut gehalten“, findet Sprecherin Helma Fischer. Selbstbewusst stellen sich die Firmen mit ihrem Geburtsdatum vor, alle vor dem Ersten Weltkrieg. Anfang dieses Jahres hatten deren Repräsentanten die Idee, mit einer Aktionswoche auf ihre Stärken hinzuweisen. Vom 7. bis 12. September präsentieren sie sich mit Plakaten, Schaufensterdekorationen und 60 000 Sammelkarten, die auch der heutigen Ausgabe unserer Zeitung beiliegen. Finanziert haben sie’s selbst, unterstützt von der Sparkasse, dem Amt für Wirtschaftsförderung sowie dem Verein Offenbach Offensiv.

1718 gründete Johann Michael Gaudelius die Schwanen-Apotheke, heute von Dr. Guido Kruse geführt. 1770 kam die Apotheke zum Löwen dazu, inzwischen im Besitz von Franziska Hoefer, die sagt: „Gesundheit ist eben ein zeitloses Thema.“ Zwar habe sich der Beruf „vom Schubladenzieher zum Lotsen im Gesundheitswesen“ gewandelt. Dennoch stellen beide Apotheken nach wie vor selbst Medikamente her, „exakt auf den Patienten abgestimmt“, betont Katrin van de Loo, zuständig für das Marketing der Schwanen-Apotheke. Als Johann André 1774 seinen Notenhandel eröffnete, war der Gedanke, damit Geld zu verdienen, neu. Nachfahr Hans-Jörg André nennt zwei Faktoren für den Aufstieg: Gründersohn Johann Anton André ließ Alois Senefelder in Offenbach seine Erfindung der Typografie weiterentwickeln. Und er kaufte Mozarts Nachlass, 274 Autografen, die er erstmals druckte. Heute handelt die Firma auch mit Instrumenten. Stolz intoniert der Chef ein Fender-Rhodes-Piano aus den 70ern.

Den Lauf der Zeit veranschaulicht Helma Fischer, Inhaberin der 1835 gegründeten Steinmetz’schen Buchhandlung, an einem Lexikon und einem Atlas: „Wikipedia und Google Earth um 1900!“ Seit 1867 arbeitet Familie Kitzinger mit Blumen, früher vor allem auf Friedhöfen. Jetzt hat Johannes Kitzinger eine 30 Jahre alte Tradition seines Vaters wiederbelebt: Biedermeiersträuße im Stil von Carl Spitzwegs Bild „Der ewige Hochzeiter“.

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Auch Annette Laier, deren Kaffeerösterei mit Feinkosthandel auf 1869 zurückgeht, bildet die fünfte Generation. Und auch bei ihr ist die Tätigkeit noch echte Handarbeit. Genauso wie teilweise bei der Wiener Feinbäckerei Heberer, die seit 1891 handausgehobenes Brot verkauft. Die Offenbacher Ohrfeigen indes werden nicht händisch verabreicht: Es ist eine Backspezialität, die Georg Heberer IV. wiederaufgelegt hat. „Charakteristisch für eine Stadt ist der Fachhandel“, lautet das Credo von Stefan Becker. Der Geschäftsführer des Modehauses M. Schneider, seit 1905 in Offenbach und im Besitz zweier Familien sowie einer Stiftung, ist überzeugt: „Der wird immer seine Kunden haben.“ Das soll die Aktion beweisen.

Mit der Sammelkarte kann jeder alle acht Geschäfte aufsuchen und sich Stempel holen. Versehen mit Name und Adresse gibt er sie in einem der Läden ab und darf auf attraktive Gewinne hoffen. Erster Preis ist ein i-Pad, gestiftet von unserer Zeitung. Zudem winkt eine Übernachtung für Zwei im Sheraton. Dann Freikarten fürs Novemberkonzert der Capitol Classic Lounge. Schließlich Geschenkkörbe, Gutscheine und Artikel der beteiligten Geschäfte. Am Freitag, 11., und Samstag, 12. September, gibt es vor- und nachmittags je eine Führung von Betrieb zu Betrieb mit Loimi Brautmann. Die Teilnahme ist kostenlos, Anmeldung in der OF-Info am Salzgässchen erbeten.

Als „vielschichtiges Plädoyer für die Möglichkeiten, die Offenbach bietet“ versteht Fischer die Aktion. Versichert: „Wir verschwenden keinen Gedanken ans Aufgeben...“ Und bekräftigt: „Wir schauen positiv in die Zukunft!“

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