Aktzeichnen in Offenbach

Hingucken explizit erwünscht

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Zwei Drittel der Modelle, die an der Schule für Mode, Grafik und Design Akt stehen, sind – ebenso wie die Kursteilnehmer – weiblich. Student Chris aus Offenbach hat trotzdem keine Scheu, sich zu Übungszwecken unbekleidet den akribischen Blicken der Schüler auszusetzen.

Offenbach - Regungslos steht Chris auf einem Podest in der Mitte des Raums. Zehn Augenpaare gleiten seinen nackten Körper hinauf und wieder hinab, wenden den Blick kurz ab, um gleich darauf wieder hinzusehen. Von Jenny Bieniek 

Um Proportionen wahrzunehmen, Details auszumachen und wiederzugeben. Der 24-jährige Offenbacher kennt das. Seit drei Jahren steht Chris sporadisch als Aktmodell für Zeichenkurse zur Verfügung, verdient sich so neben seinem Studium des Bauingenieurswesens ein Zubrot. Dieser Tage hat er sich in der Offenbacher Schule für Mode, Grafik und Design entblößt. In der offenen Gruppe sollen die Teilnehmer sich anhand seines Körpers die Grundlagen der Anatomie aneignen.

„Die Fähigkeit, menschliche Körper und Proportionen richtig zeichnen zu können, ist Grundvoraussetzung für den ganzen gestalterischen Bereich – egal ob Mode- oder Produktdesign“, erklärt Schulleiterin Daniela Ballweg. In ihren Räumen an der Bernardstraße bereiten sich angehende Studenten auf ihr Studium vor, fertigen Bewerbungsmappen an und vertiefen ihre künstlerischen Fähigkeiten. Für die Aktkurse greift Ballweg regelmäßig auf ihre Kartei zurück, in der mehrheitlich weibliche Modelle zwischen 20 und 50 Jahren gelistet sind. Bei deren Auswahl gehe es nicht primär um Schönheit, sondern um „interessante Körper“, wie Ballweg betont. So sei etwa ein 50-jähriger Brasilianer das Lieblingsmodell der Schüler. „Generell sind das Leute, die sich gern zeigen und ein sehr entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper haben“, weiß Kursleiterin Ballweg. Viele von ihnen kämen aus der Sport-, Yoga- oder Kunstszene.

So auch Chris, der an seinem ungewöhnlichen Job vor allem das Kreative und den Umgang mit Menschen schätzt. „Am Anfang ist es natürlich etwas befremdlich, passiv im Mittelpunkt einer Gruppe von Fremden zu stehen“, gesteht der Offenbacher, der eher zufällig an seinen Gelegenheitsjob geriet. „Ich saß damals selbst als Schüler in einem Kurs. Weil das Modell, ein Bekannter von mir, kurzfristig absagen musste, bin ich spontan eingesprungen.“ Nun kennt er beide Seiten eines solchen Kurses. Jedes Mal , wenn die Stoppuhr nach der zuvor vereinbarten Bearbeitungszeit piept, fragt Chris geduldig in die Runde: „Braucht ihr noch ein bisschen oder lieber ‘ne neue Pose?“ 15 Euro bekommt er dafür pro Stunde. Während zu Beginn noch Stille im Raum herrscht, lockert sich die Atmosphäre nach und nach spürbar. „Neue Kurse sind immer erstmal etwas verkrampfter, das legt sich aber mit der Zeit“, wissen Daniela Ballweg und Modell Chris aus Erfahrung.

Aktzeichnen in Schule für Mode, Grafik und Design

Aktzeichnen in Schule für Mode, Grafik und Design

Die Herangehensweise der Teilnehmer ist dabei so verschieden wie die Künstler selbst: Während die einen zum Bleistift greifen und mittels Ovalen unterschiedlicher Größe nach und nach einen Körper entstehen lassen, bevorzugen andere Pinsel und Tusche, Wachsstifte oder Kugelschreiber. Dort wird schraffiert, hier verwischt. Vorsichtige Skizzen treffen auf kraftvolle Pinselstriche, grobe Abstraktionen hier, detailgetreue Ausschnittzeichnungen dort. Anfänger versuchen sich im Abbilden der jeweiligen Posen, die Fortgeschrittenen konzentrieren sich auf Details: das Brustwarzenpiercing, die Pigmentflecken auf der linken Brust, die Muskelstränge am Rücken. Alle fünf bis sieben Minuten ändert Chris seine Pose. Während er zu Beginn noch steht („Zum Einzeichnen ist das leichter“), setzt er sich später auf einen Hocker, dreht den Oberkörper.

Regelmäßig bietet Schulleiterin Ballweg auch Aktzeichnen für Geburtstage oder Junggesellenabschiede an. Auch Chris war bei einem solchen Kurs schon dabei. „Meistens kommen Frauengruppen. Klar wird da anfangs manchmal gegiggelt, aber dann geht es wirklich ernsthaft ums Zeichnen“, erzählt Ballweg. Einmal habe sogar der Bräutigam selbst Akt gestanden. Zeichnen, so Ballweg, sei schließlich etwas ganz anderes als etwa ein Akt-Shooting. Auf die Frage, ob Aktmodell Chris sich für eitel oder extrovertiert hält, antwortet er lächelnd: „Ich denke, ich bin da ganz normal.“ Auch sein Verhältnis zum Nacktsein hält er für durchschnittlich. „Ich gehe ein-, zweimal im Jahr in die Sauna. FKK ist dagegen nichts für mich.“ Letztlich sei sein Job trotz des Spaßfaktors „knallharte Arbeit“ und habe mit Sexualität oder Erotik nichts zu tun.

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