Milliardenprojekt

Kritik an Ressourcen-Verschwendung: Stadt Offenbach verteidigt Rechenzentrum

Blick auf die Baustelle: Das künftige Rechenzentrum der Firma Cloud HQ wächst rasant. Ende 2022 soll es in Betrieb gehen. Die Arbeiten für das zweite Gebäude des „Campus Offenbach“ beginnen noch Ende dieses Jahres.
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Blick auf die Baustelle: Das künftige Rechenzentrum der Firma Cloud HQ wächst rasant. Ende 2022 soll es in Betrieb gehen. Die Arbeiten für das zweite Gebäude des „Campus Offenbach“ beginnen noch Ende dieses Jahres.

Auf dem ehemaligen MAN-Gelände in Offenbach entsteht ein riesiges Rechenzentrum. Der Bau ist jedoch umstritten. Die Stadt verteidigt das Projekt.

Offenbach - Enormer Stromverbrauch, ungenutzte Abwärme, dieselbetriebene Notstromaggregate, die bei regelmäßigen Testläufen die Luft verpesten: Die Kritik an Europas größtem im Bau befindlichen Rechenzentrum auf dem ehemaligen MAN-Gelände am Lämmerspieler Weg wiegt schwer. Die Stadt verteidigt nun das Milliardenprojekt.

Die sich mit Umweltfragen befassende Lokale Agenda 21 hat, wie berichtet, Umplanungen unter Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte gefordert. Und zugleich der Stadt und Oberbürgermeister Felix Schwenke einen „Weiterbildungsstau“ vorgeworfen – man lasse sich zu einer Ansiedlung um jeden Preis treiben, während andere Städte wesentlich höhere Auflagen machten. Obendrein profitiere nicht mal der Wirtschaftsstandort Offenbach besonders, da die Zahl der Arbeitsplätze überschaubar sei und Cloud HQ als in den USA ansässiger Konzern nicht viel Gewerbesteuer zahlen müsse.

Rechenzentrum in Offenbach: Laut Stadt sollen 150 Arbeitsplätze entstehen

Dem widerspricht die Stadt. Insgesamt würden für den Betrieb und Wartung rund 150 Arbeitsplätze entstehen – davon cirka 70 bis 80 hoch qualifizierte Stellen mit einem jährlichen Gehalt von durchschnittlich 75. 000 Euro. Auch Büroarbeitsplätze sollen nach Offenbach kommen, denn das Unternehmen hat inzwischen die Cloud HQ Germany Development GmbH mit Sitz in Offenbach gegründet; die Geschäftsräume sollen zum Jahresenede bezogen werden. „Wir werden Einnahmen aus Grund- und Gewerbesteuer haben“, sagt Schwenke. „Diese unterliegen zwar der Geheimhaltungspflicht und auch Schwankungen, aber an anderen Standorten zahlen Rechenzentren Steuern in nennenswerter Höhe.“ Die Bedeutung von Rechenzentren werde durch die fortschreitende Digitalisierung immer weiter steigen – und damit auch die Notwendigkeit dieser Infrastruktur zum Erhalt und zur Neuansiedlung von Unternehmen in Offenbach.

Die ersten Planungen für das Milliardenprojekt lägen schon einige Jahre zurück, betont der OB: „Die möglichen Auswirkungen auf die Umwelt und die Nachbarschaft waren schon damals ein zentraler Aspekt aller Prüfungen.“ Das Projekt halte alle umweltrechtlichen Vorgaben ein. „Sonst hätte es weder durch die Stadt noch durch das RP eine Genehmigung gegeben.“ Insgesamt habe das Regierungspräsidium 18 Auflagen gestellt, etwa zur Regelung und Dauer des Betriebs der Notstromaggregate oder zur Festlegung von Grenzwerten für Luftschadstoffe.

Vorgesehen seien modernste Notstromaggregate mit den derzeit niedrigsten Emissionswerten. Sie würden monatlich für 30 bis 60 Minuten geprüft. Damit die Abgase das Umfeld so wenig wie möglich beeinträchtigten, seien die Schornsteine besonders hoch.

Hoher Stromverbrauch für Rechenzentrum in Offenbach: „Menge muss aber auch geliefert werden können“

Was die ungenutzte Abwärme betrifft, versucht ein Unternehmenssprecher von Cloud HQ zu beschwichtigen. Eine Nutzung sei ohnehin nur eingeschränkt vorstellbar, da die Temperaturen deutlich geringer ausfielen als in älteren Rechenzentren: „Die IT-Geräte der neuesten Generation können mit höheren Temperaturen betrieben werden, was zum einen den Abwärmebedarf senkt und zum anderen die freie Kühlung auch bei höheren Außentemperaturen erlaubt“, so der Sprecher. So werde der Betrieb der Serverräume mit bis zu 30 Grad möglich sein, wo in herkömmlichen Rechenzentren maximal 20 Grad zulässig wären, um die Server und deren Prozessoren nicht zu beschädigen. In Offenbach werde überwiegend die Außenluft über sogenannte Freikühler zur Kühlung genutzt.

Auch Schwenke hält eine weitere Verwertung der Abwärme aktuell für nicht realisierbar, weil das Wohngebiet An den Eichen bereits mit Nahwärme versorgt ist: „Der technische Aufwand und die damit verbundenen Investitionen wären zu hoch, um die Energieeffizienz durch die Nutzung der Abwärme wesentlich zu verbessern.“

Die wohl größte Herausforderung bleibt die Stromversorgung. Der geschätzte Verbrauch liegt bei 981 000 MWh – praktisch das Doppelte des derzeitigen Stromverbrauches von ganz Offenbach. Die EVO hat massiv in den Ausbau des Stromnetzes investiert. „Die Stadt wünscht sich, dass der Stromverbrauch durch erneuerbare Energien erfolgt. Diese Menge an Strom muss aber auch geliefert werden können“, räumt Schwenke ein. Da brauche es in Deutschland viele weitere Investitionen, um vollständig auf grünen Strom wechseln zu können. Energieeffizienz liege gerade für stromintensive Branchen wie die Rechenzentren im eigenen wirtschaftlichen Interesse, so der OB. „Daher wird sich hier auch in der Technologie noch vieles weiter entwickeln.“ (Veronika Schade)

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