Alle wollen uns an die Wäsche

+
Der Markt für Altkleider ist heiß umkämpft, karitative Organisationen wie die Malteser, das Rote Kreuz oder der Arbeiter-Samariter-Bund müssen sich immer vielfältigerer Konkurrenz erwehren. Neben privaten Geschäftemachern sammeln mittlerweile auch Kommunen und Modeketten die abgelegte Kleidung der Verbraucher ein.

Offenbach - Die Jeans ist zu klein, das Hemd gefällt nicht mehr. Wer seinen Kleiderschrank ehrlich durchforstet, hat schnell ein oder zwei Tüten voll mit Klamotten, die er nicht mehr braucht. Wohin damit? Klar, zum Altkleider-Container. Ist ja für eine gute Sache. Von Ralf Enders

Doch genau das stimmt nicht mehr. Denn ein großer Teil der Container für Kleidung, Schuhe, Textilien oder Federbetten wird mittlerweile von privaten Firmen aufgestellt. Und darunter sind nicht wenige, die illegale Geschäfte machen. Kein Wunder, werden für eine Tonne Altkleider doch je nach Marktlage bis zu 400 Euro bezahlt. Das Sortieren übernimmt mittlerweile eine ganze Industrie. Die Hälfte bis drei Viertel der Kleidung geht unterschiedlichen Schätzungen zufolge nach Afrika, Asien oder Osteuropa, wo sie als Secondhand-Ware verkauft wird. Was sich nicht mehr als Kleidung vermarkten lässt, wird zu Putzlappen, Dämmmaterial oder Auto-Innenverkleidung verarbeitet. Der Rest, Experten schätzen etwa 15 Prozent, aus dem sich partout nichts mehr machen lässt, landet in der Müllverbrennung.

Die privaten Lumpensammler sind nicht zimperlich. Immer mehr Städte klagen über illegal aufgestellte Container. Die Aufforderungen der Ordnungsämter, die Behälter zu entfernen, werden einfach ignoriert. Oder die Geschäftemacher verzetteln die Kommunen in langwierige Rechtsstreitigkeiten. Der Branchendienst Euwid schätzt, dass bundesweit etwa 1 000 Prozesse anhängig sind. Die Privaten gaukeln wohltätige Zwecke vor, der Reinerlös aus den alten Klamotten landet jedoch - anders als bei Rotem Kreuz und Co. - in ihren Taschen.

„Heiß umkämpfter Markt“

Günstige Klamotten für Bedürftige: im Kleiderladen des Diakonischen Werkes Offenbach-Dreieich-Rodgau in der Offenbacher Gerberstraße.

Auch in Offenbach berichtet Alexander Rüsch, Sachgebietsleiter beim Ordnungsamt, von einem „heiß umkämpften Markt“. In der Stadt gibt es Rüsch zufolge 100 Container-Standorte auf öffentlichen Flächen, an denen acht Betreiber aktiv sind. Drei davon arbeiten karitativ - das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Malteser und der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), die anderen fünf sind privat. Immer wieder würden der Stadt illegal aufgestellte Container gemeldet, berichtet Rüsch, in den vergangenen zwölf Monaten etwa 25 Stück. Zwölf davon habe man „zwangsräumen“ müssen.

„Unter den angegebenen Adressen und Telefonnummern kommt man meist nicht weiter“, sagt der Sachgebietsleiter. „Wir bekleben die Container mit entsprechenden Hinweisen.“ Die Aufsteller haben eine Frist von zwei Wochen, die Container zu entfernen. Passiert nichts, lässt die Stadt sie mit einem Lkw abholen. Immerhin bleibt der Steuerzahler Rüsch zufolge nicht auf den Kosten sitzen, denn die Container gibt"s nur gegen Bezahlung der Abschleppkosten wieder.

Pionier in Sachen Altkleidersammlung ist das DRK. Patrick Dietzel, Teamleiter der Sozialen Dienste beim DRK Offenbach, sähe es natürlich gerne, „wenn die Kleidersammlungen grundsätzlich den Wohlfahrtsverbänden angetragen worden wäre“. Durch eine Änderung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes vor einem Jahr aber könne „fast jeder“ sammeln, sofern er dies beantrage und genehmigt bekomme.

Dritter Altpapiersammler im Spiel

Dieses neue Gesetz bringt auch einen dritten Altpapiersammler ins Spiel: die Kommunen. Neben Altpapier oder Schrott können die Städte und Gemeinden nämlich auch Altkleider nun in Eigenregie einsammeln. In Zeiten leerer Kassen eine verlockende Idee. Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) beklagt schon die „einseitige Stärkung der Kommunen gegenüber der privaten Recycling- und Entsorgungswirtschaft“. bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock: „Viele Kommunen ... missbrauchen die neuen Spielräume für ihre wirtschaftlichen Interessen und versuchen nun, private Sammlungen zu verbieten, um im Schutz kommunaler Monopole eigene neue Sammlungen aufzubauen.“

In Offenbach gebe es solche Überlegungen derzeit nicht, sagt Alexander Rüsch vom Ordnungsamt. Bis 2015 liefen die entsprechenden Verträge für die Container. Was danach passiert, weiß freilich noch niemand.

Luft wird noch dünner für Sammler

Und die Luft wird noch dünner für die etablierten Sammler: Auch der schwedische Modehändler H&M sammelt seit kurzem in seinen fünf Frankfurter Filialen ebenfalls Altkleider ein. Spender erhalten Gutscheine für den nächsten Einkauf. Das Unternehmen strebt mit der Aktion einer Sprecherin zufolge keinen Gewinn an, aber die Kritiker sind erzürnt: „Kundenbindung im grünen Gewand“, meint etwa der Verein „Fairwertung“, der die Interessen von mehr als 100 Organisationen wie dem DRK vertritt. In der Tat: Politisch am korrektesten sind Altkleider wohl nach wie vor bei den Karitativen aufgehoben, auch wenn die ebenfalls nach Afrika verkaufen. Patrick Dietzel vom Offenbacher DRK berichtet, dass alle DRK-Container derzeit mit einheitlichen Info-Aufklebern versehen würden. Darauf sei ersichtlich, ob die Kleider „direkt und komplett der Wiederverwertung zugeführt werden“, oder ob ein Teil in Kleiderkammer oder -laden komme.

Der DRK-Kreisverband Offenbach betreibt drei Kleiderläden und zwei Kleiderkammern in Hausen, Neu-Isenburg, Langen, Mühlheim und Nieder-Roden, ein weiterer Kleiderladen soll Ende August in Rödermark öffnen. Zudem sei man auf der Suche nach Räumen für einen Kleiderladen in Dietzenbach. Die Erlöse aus den Altkleider-Sammlungen flössen grundsätzlich an die 16 Ortsvereine, die das Geld etwa für soziale Projekte ausgeben.

Lukrativ sei das Geschäft auch nicht immer, denn es entstünden ja auch Kosten für Container, Gebühren, Leerung, Sortierung, Waschen und Bügeln. Zudem hat Dietzel noch ein Problem ausgemacht: „Gerade im Stadtgebiet Offenbach ist die Qualität der abgegebenen Kleider nicht so, dass ein großer Teil in die Kleiderläden- und -kammern kann.“

Kommentare