Notizbuch der Woche

Kommentar: Allein in Gottes Hand

Wer ist schuld am Hafen-Debakel (die Optimisten sprechen vom „Rückschlag“)? Klar, wie immer, der Oberbürgermeister. Weil Horst Schneider einen Vertrag mit Frankfurter Gewerbetreibenden nicht unterschreiben wollte, kriegt er die oppositionellen Prügel ab. Von Thomas Kirstein

So wie er es darstellt, natürlich zu Unrecht: Das Papier, dem er sich verweigerte, wäre einerseits der Freibrief für unzumutbaren Lärm aus dem Frankfurter Hafen gewesen; andererseits hätten die beiden Firmen, die partout nicht ausdrücklich auf eine Klage verzichten wollten, ausgereicht, das Offenbacher Mainviertel-Projekt via Verwaltungsgerichtshof zu kippen. Hinzu kommt der Vorwurf, unser OB habe mal wieder nicht hart genug mit Frankfurtern verhandelt. Dem steht eine Beteuerung aus dem Rathaus entgegen, Horst Schneider habe sehr wohl sehr viele intensive Telefonate mit nachbarstädtischer Politik und widerborstigen Gewerbetreibenden geführt. Das Gegenteil ist nicht zu beweisen.

Bekanntermaßen fürchten Speditionen vom anderen Mainufer, künftige Bewohner des Offenbacher Mainviertels könnten wegen Lärms gerichtlich gegen sie vorgehen. Dass die Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft ABG, die dort erste Blöcke errichten möchte, ihrer Kundschaft einen Klageverzicht in den Mietvertrag schreiben will, hat ebensowenig alle Firmen überzeugt wie die Versicherung, passiven Lärmschutz auf höchstem Niveau vorzusehen. Wenn sich die Betriebe da mal nicht auch in den eigenen Finger geschnitten haben: Ohne neue Hafenbebauung könnte der von ihnen verursachte Geräuschpegel durchaus in juristisch relevanter Stärke in Offenbach ankommen. Vielleicht gibt es ja doch noch eine Einigung, die eine weiterhin für wohlhabendere Schichten attraktive Wohnungbebauung erlaubt und nicht dazu führt, dass weitere Lärmschutzmaßnahmen nur noch Sozialplattenbau für Frankfurter auf der Suche nach sehr preiswertem Wohnraum ermöglichen.

schließen wir uns mal den Optimisten an und stellen die Eingangsfrage neu: Wer hat den Rückschlag zu verantworten? Stadt und Mainviertel haben sich auf namhafte Experten verlassen; ein Lärm-Guru und ein Verwaltungsrechts-Papst versicherten, es könne gar nichts schief gehen. Die Richter in Kassel aber untermauerten den alten Spruch, wonach man auf hoher See und vor einem Gericht allein in Gottes Hand sei. Also Schicksal und Umständeverkettung statt menschlichem Versagen? So wie halt auch bei einigen anderen Projekten, die den an der langen Leine geführten und als mulikompetent geltenden Stadtfirmen überlassen wurden. Wir addieren zum Hafen also das nicht den erhofften Ertrag bringende Rumpenheim-Südwest, die ersten kläglichen Vermarktungversuche für Waldheim-Süd und natürlich den Erasmus-Kostenskandal. Aber als heute mal unerschütterliche Optimisten fügen wir hinzu: All dies’ Scheitern lässt sich auch als gut angelegtes Lehrgeld betrachten, damit bei so wichtigen Projekten wie dem Stadion mal nichts aus dem Ruder läuft.

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