Allen Widrigkeiten getrotzt

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Simone Jung (links) hat viele Hürden in ihrem Berufsleben überwunden. Sie sucht auch weiter nach neuen Herausforderungen.

Offenbach - Für Michael Steinbrecher, ZDF-Moderator und Journalistik-Professor, steht fest, dass jeder „das Planungsbüro seines eigenen Lebenslaufes“ ist. Flexibilität und Mobilität sind gefragt.

„Jeder muss sich darauf einstellen, mehrmals im Leben beruflich Haken zu schlagen und neue Berufsbilder zu erlernen. Wie soll das gehen ohne Weiterbildung? Es ist die Aufgabe unserer Zeit“, meint Steinbrecher. Das finden die Mitarbeiter im Seniorenzentrum in der Elisabethenstraße in Offenbach auch. In ihrem Team gibt es eine Frau, die viele Hürden überwunden hat und von vielen gelobt wird. Simone Jung, Mitarbeiterin in der Tagespflege der Einrichtung, berichtet über ihre ganz persönliche Weiterbildungs-Geschichte. Protokolliert von Silke Schäfer.

„Seit ziemlich genau einem Jahr arbeitet Simone Jung als ausgebildete Altenpflegerin in unserer Tagespflege und übernimmt dort auch die Stellvertretung der Leitung. Das allein wäre noch nicht so außergewöhnlich, aber zwei Dinge fallen auf, wenn man ihr zuhört - zum einen ist dies ihr Alter, denn sie zählt gerade 25 Lenze und zum anderen hatte sie bis zu ihrem erfolgreichen Ausbildungsabschluss so einige Hürden zu überwinden.

Wahrnehmungs- und Lernschwäche

Begonnen hatte alles mit einer Wahrnehmungs- und Lernschwäche, deretwegen sie zunächst eine Lernhilfeschule besuchte. Diese schloss sie - trotz ihrer Einschränkungen beim Lernen - sehr erfolgreich ab. Der sogenannte „Sonderschulabschluss“ war der strebsamen Schülerin aber nicht genug, und sie holte in Dietzenbach an der Heinrich-Mann-Schule in einer speziellen Förderklasse innerhalb eines Jahres den Hauptschulabschluss nach. Während dieser Zeit besuchte die damals 16-Jährige regelmäßig ihre an Demenz und Diabetes erkrankte Oma, half ihr beim Duschen, im Haushalt und schenkte der alten Dame außerdem in vielen Gesprächen ihre Zeit.

Das Schicksal wollte es, dass der Pflegedienst, der ihre Oma zusätzlich unterstützte, auf die junge Frau aufmerksam wurde. Die Mitarbeiter wurden Zeugen des einfühlsamen Umgangs der Enkelin mit ihrer Oma. Sie bescheinigten der jungen Frau großes Talent im Umgang mit alten Menschen und ermunterten sie, dieses Talent zu ihrem Beruf zu machen. Nach einem mehrwöchigen Orientierungspraktikum bei ebendiesem Pflegedienst stand für Simone Jung der Berufswunsch klar fest: Sie wollte Altenpflegerin werden!

Hauptschulabschluss in der Tasche

Inzwischen (2004) mit Hauptschulabschluss in der Tasche, wandte sie sich an unsere Altenpflegeschule und erlebte zunächst eine Enttäuschung. Man teilte ihr mit, für die drei Jahre dauernde Ausbildung benötige sie einen Realschulabschluss - ansonsten könne man ihr lediglich die einjährige Ausbildung zur Altenpflegehelferin anbieten.

So schnell ließ sich die 17-Jährige allerdings nicht entmutigen: Sie holte am medizinisch-technischen Zweig der Käthe-Kollwitz-Schule in Offenbach auch noch ihren Realschulabschluss nach, schloss kurzerhand ein FSJ in einem Behindertenwohnheim daran an, und konnte, so „Haken schlagend“ im Oktober 2008 ihre ersehnte Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin in unserem Haus beginnen.

Gern erinnert sie sich an den Abschluss ihres Bewerbungsgespräches in unserer Einrichtung, wo sie künftig den praktischen Teil ihrer Ausbildung absolvieren sollte. Ingrid Barthel, Pflegedienstleiterin vom Seniorenzentrum, habe sie lächelnd verabschiedet mit den Worten: „Herzlich Willkommen im Team!“ Wer jetzt denkt „Ende gut, alles gut“, irrt... Denn im dritten und letzten Jahr ihrer Ausbildung spielte die Gesundheit ihr böse Streiche. Rund ein halbes Jahr dauerte es, bis nach einer Krankheits-Odyssee die Diagnose „Morbus Crohn“ feststand. Mehrmals musste sie ins Krankenhaus, versäumte dadurch theoretischen und praktischen Unterricht und zweifelte, ob sie unter diesen Umständen den nahenden Abschluss überhaupt schaffen würde. „Aber“, so berichtet Simone Jung heute, „es haben immer alle an mich geglaubt und mir Mut gemacht.“ Sie ist überzeugt: „Das hat mir Kraft gegeben zum Durchhalten!“

„Das ist so ein toller Erfolg - auch für uns als Schule!“

Ende Juli 2011 hielt sie dann, trotz aller Widrigkeiten, stolz ihr Examen in den Händen - alle, die sie bis dahin begleitet hatten, nicht minder stolz. So äußerte Schulleiterin Gitta Oesch: „Das ist so ein toller Erfolg - auch für uns als Schule!“

Als Fazit kann man ziehen: Hindernisse waren für die junge Frau kein Grund zur Resignation, sondern stets eine Herausforderung. Die Mitarbeiter in der Pflegeinrichtung meinen: Diese Frau geht ihren Bildungsweg! Der ist übrigens noch lange nicht zu Ende. Die nächste große Herausforderung wartet schon in Form einer Weiterbildung zur Wohnbereichsleiterin, die sie im nächsten Jahr beginnen wird. Gefragt nach ihren Gefühlen dazu, gesteht Frau Jung, dass sie schon ein wenig Sorge habe, es nicht zu schaffen, „Aber vor allem freue ich mich auf die neue Herausforderung!“, schließt sie lachend.“

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