Allerschönstes Schieben

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Was Süßes gefällig?

Offenbach - Punkt 17.01 Uhr bekommen alle Beteiligten die Chance zu mehr Vergangenheitsverliebtheit, als es wohl selbst die Traditionsbewusstesten im Stadtteil zu träumen gewagt hatten. Von Marcus Reinsch

In der äußersten Reihe des Bieberer Nikolausmarktes ist plötzlich der Strom weg, unter den Zeltdächern gehen die Lampen aus. Hat da jemand aus Versehen den Verteilerstecker gezogen? Oder ist das doch schon die Energiewende?

Woran’s liegt, bleibt erstmal im Dunkeln. Allein: „In Alt-Bieber wäre sowas nicht passiert“, befindet einer, der zwar bei Weitem nicht alt genug ist, um die Elektrifizierung Biebers schon bewusst erlebt zu haben. Aber eben aber auch nicht mehr so jung, dass er dem federführenden Gewerbeverein den Umzug des Nikolausmarktes vom alten Ort auf den für viel Geld neu hergerichteten und nun unbedingt zu bespielenden Ostendplatz einfach so vergeben könnte.

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Dass die Standort-Premiere nicht nur lichte Momente hat, nimmt man mit Humor. Stolpern könnte man zwar in der Finsternis, aber umfallen nicht - seit Anbruch der Dämmerung ist Rush-Hour, Tausende tummeln sich gleichzeitig auf dem Karrée. Und wer Bieber lieb hat, also fast jeder hier, findet das Geschiebe sowieso gemütlich oder gleich kuschelig.

Der Nikolausmarkt kuschelt mit jedem schönen Klischee, das sich die Menschheit zum Thema Weihnachtsmarkt erarbeitet hat. Die Budenvielfalt ist enorm, rund 50 Stände haben Platz zwischen dem phantastisch angenommenen Spielplatz und den Baugittern, die davon zeugen, dass sich - Stichwort Kiosk-Café - noch was tun wird am Ostendplatz.

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Vertreten ist alles, was in Bieber Rang, Namen, Funktion, Mitglieder, Gläubige oder Kunden hat. Katholische Jugend, Tierschutzverein, Kindergärten, Geschäfte, Vereine. Die Grundschule hat sich gleich mehrere Stände gesichert; die 4b feiert Erfolge mit Kuchen im Blumentopf, die 2e hat Waffeln, O-Saft, Gebasteltes; die 3a Wundertüten, Muffins und andere prächtige Dinge, weitere Schüler nutzen die Gelegenheit, sich und ihre kreative Ader zu präsentieren. Die St. Nikolaus-Kita hat auch Schönes zu verkaufen, will später aber vor allem Schönes verschenken - Geld. Der Erlös aus einer Tombola, bei der zwei bunt bemalte Stühle zu gewinnen sind, wird der krebskranken Lucija und ihrer Familie zugute kommen.

Sofortwirkung zeigen auf dem Markt allerhand himmlische Flüssigkeiten. Es gibt Honig und Likör aus eigener Imkerei, ein Mineralölhändler bietet zwecks Menschen-Betankung Schweizer Punsch feil. Weitere innere Wärme lässt sich aus Glühwein, Met, Slibowitz oder - weniger berauschend, aber mutmaßlich nachhaltiger - aus den Botschaften gewinnen, die die Christliche Gemeinde Rosegger Straße verbreitet. Hinzu gesellen sich Kunsthandwerk, Geschichten-Zelt, der Nikolaus im authentischen Gewand, das für Bieber quasi multifunktionale Versprechen des Kickers-Fan-Museums, dass „Die Tradition lebt“, von Kindern liebevoll Vorgetragenes auf der Bühne und natürlich der allgegenwärtige, erfreulich oft mit Kerzen gesicherte Lichterglanz.

Letzterer selbst in der Budengasse, in der eben der Strom ausgefallen ist. Bei den 03ern beugt sich ein gut Gerüsteter mit einer Taschenlampe über die heißen Maronen, und ein Moderner leuchtet mit seinem Handydisplay dazu. Allerdings nur bis 17.05 Uhr. Der Rückfall in die Vergangenheit hat nur vier Minuten gedauert. Aber die waren die atmosphärisch dichtesten von allen.

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