Kommentar: Alles ist im Fluss

Offenbach - Keine Frage, läuft es so wie geplant, dann haben sich die Macher des Mainviertels - allen voran der Oberbürgermeister - mit dem neuen Stadtteil im einstigen Industriehafen ein Denkmal gesetzt. Von Matthias Dahmer

Zumal es schon jetzt gelungen ist, eine als historisch eingestufte Kooperation mit der Stadt Frankfurt zu besiegeln, deren Wohnungsbaugesellschaft ABG als erster Investor im Offenbacher Hafen auftritt. Die Euphorie, welche die beiden Stadtoberhäupter Schneider und Roth bei der Präsentation der geplanten 150 Mietwohnungen in dieser Woche verströmten, sei ihnen gegönnt.

Es muss jedoch auch daran erinnert werden, dass die mit dem größten am Wasser gelegenen Entwicklungsgebiet im Rhein-Main-Gebiet verknüpften Hoffnungen damit noch lange nicht erfüllt sind. So gibt es noch keine Signale aus Wiesbaden, dass der Umzug der Hochschule für Gestaltung, die das neue Viertel einmal prägen soll, tatsächlich klappt. Offenbachs Staatsminister Stefan Grüttner hatte dies für die Zeit unmittelbar nach Ostern eigentlich versprochen. Dann ist da noch die Klage von sechs auf der anderen Mainseite angesiedelten Frankfurter Unternehmen. Sie ziehen gegen den Bebauungsplan für die Offenbacher Hafeninsel zu Felde, weil sie befürchten, dass künftige Mainviertel-Bewohner wegen des Lärms gegen sie klagen und Schallschutzauflagen für ihre Betriebe die Folge sind. Zwar werden die Mieter in ihren Verträgen eine „Grunddienstbarkeit“ stehen haben, nach der Lärm nie ein Mietminderungsgrund und somit auch kein Klagegrund gegen Betriebe sein kann. Doch das hat die Unternehmen in ihrem gerichtlichen Vorgehen gegen den Bebauungsplan nicht gestoppt. Am nächsten Donnerstag wird ihre Klage vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel verhandelt.

Egal wie der Prozess ausgeht - er zeigt, dass das Wohnen im früheren Industriehafen, der freie Blick auf den Fluss, nicht ohne Lärm zu haben sein wird. Im Süden der einer verkehrsberuhigten Zone unverdächtige Nordring, im Norden Betriebe wie die Spedition Schenker - das Plätschern der Wellen wird ein wohl eher selten zu hörendes Geräusch im Mainviertel sein.

Stadtentwicklung zum Schnäppchenpreis. Da können Politiker nur schwer widerstehen. So wie jetzt beim Landesprogramm „Aktive Innenstadt“. Dafür macht Wiesbaden richtig viel Geld locker. Für die Offenbacher Projekte wie etwa Umbau von Stadthof und Marktplatz sind insgesamt 14,5 Millionen Euro veranschlagt, wovon das Land 70 Prozent übernimmt. Das heißt aber auch, dass 30 Prozent und damit 4,35 Millionen an der Stadt hängen bleiben. Ziemlich viel für eine Kommune, die eigentlich blank ist. Sicher, man bleibt innerhalb des auf 15 Millionen Euro jährlich gedeckelten Investitionsvolumens, streicht dafür andere Vorhaben. Dennoch: Die Verlockung ist groß, ausgerechnet immer für jene Projekte Prioritäten zu definieren, die saftig bezuschusst werden. 4,35 Millionen Euro hätten auch den maroden Straßen oder - noch besser - den von der Stadt in Eigenregie zu sanierenden Schulen gut getan.

Die Baustelle Wilhelmsplatz ist - eine gefühlte Ewigkeit schon - ein Ärgernis. Das liegt zum einen sicherlich an den notorischen Meckerern. Zum anderen aber auch an zu Recht kritisierten organisatorischen Mängeln beim Ablauf der Arbeiten. Es drängt sich der Eindruck auf, dass in der Endphase des Umbaus die Stadt damit überfordert ist, allen Belangen der Platz-Anrainer Rechnung tragen zu wollen. Nicht jede Aufgeregtheit sollte indes im Rathaus als grundsätzliche Kritik an der Platzerneuerung verstanden werden. Man sollte es den Baustellen-Opfern einfach nachsehen, dass sie von Zeit zu Zeit ein wenig Dampf ablassen müssen. Außerdem muss eine Stadtverwaltung das aushalten können. Und wir prophezeien: Wenn im Oktober endlich alles vorbei ist, eine immer noch wärmende Herbstsonne milde auf bummelnde Marktbesucher und Kneipengäste scheint, die an den rausgestellten Tischen sitzen, dann wird (fast) jeder sagen: Was haben wir hier doch für ein schönes Plätzchen mitten in der Stadt.

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