Alles raus außer den Mietern

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Die Instandhaltungsmaßnahmen in den achtstöckigen Gebäuden mit den Hausnummern 1, 3, 5 und 7 verlangen den Mietern einiges ab.

Offenbach -  Neulich ist Monika Dondorf rüber gelaufen zu Nachbarn in der Nummer 1, bei denen endlich alles fertig und wo schon einzuschätzen ist, ob sich das ganze Elend in der Nummer 3 am Ende vielleicht doch lohnen könnte. „Sieht schön aus“, hat sie nach der Begutachtung gesagt. Von Marcus Reinsch

Und das sagt sie auch noch, als sie jetzt in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung im Türrahmen zwischen dem steht, was mal ihr Flur war, und dem, was hoffentlich bald wieder ihre Küche wird. Nein, eigentlich zweifele sie nicht am Ziel, das die Nassauische Heimstätte mit der Halbsanierung ihrer achtstöckigen Wohnblocks Hugo-Wolf-Straße 1, 3, 5 und 7 anpeile, sagt die 52-Jährige. Bad, Heizung, Böden, Elektrik, alles neu, das sei natürlich gut. Aber was den gewählten Weg betreffe, sei sie von den Ereignissen der vergangenen Wochen mindestens so hin- und hergerissen wie der halb zerfetzte Plastikvorhang, der hier statt einer Tür hängt, seit am 23. März die Bauarbeiter und Monteure bei ihr eingefallen sind.

Kein Bad, keine Küche, kein Schlafzimmer, keine Ruhe: Monika Dondorf in ihrer Wohnung im Block Hugo-Wolf-Straße 3. Ihre Möbel stehen seit vier Wochen in Folie eingeschlagen in den Räumen; sie selbst ist ins Exil zu ihrem Sohn nach Mühlheim geflüchtet.

Es gebe Stolperfallen auf diesem Weg, klagt Dondorf. Dass das nicht alleine im übertragenen Sinn zu verstehen ist, hat Dondorfs Mutter Sonja Stehr vor einigen Tagen gleich nebenan in Block Nummer 5 zu spüren bekommen. Die 76-Jährige fiel über eine ausgefranste Staubschutzplane, brach sich einen Arm. „Jetzt sitzt sie den ganzen Tag mit dem Gips in Dreck und Lärm herum und traut sich nicht, sich überhaupt noch zu bewegen“,beschreibt Monika Dondorf. Alternativen gibt es kaum. Der ursprüngliche Plan - die Mutter siedelt von Block 5 zur Tochter in Block 3 über, sobald die Arbeiter von Block 3 zu Block 5 aufrücken - geht nicht auf. Bei Sonja Stehr läuft die Sanierung schon auf vollen Touren, während Monika Dondorfs Domizil frühestens in vier Wochen fertig sein wird. Momentan sieht es aus wie ein Rohbau.

Alle Möbel mussten von der Wand gerückt, teilweise abgeschlagen werden, Plastikfolien sollen den Hausrat schützen. Die Einbauküche ist demontiert, eine neue bestellt, weil der Schreiner die bisherige kurz und klein sägen müsste, damit der neue Heizkörper nicht der Waschmaschine in die Quere kommt. Wer will, bekommt eine mobile Zweifeld-Kochplatte zur Verfügung gestellt. Überall ist nackter Beton zu erkennen, aus den Wänden hängen Kabelstränge, von der Decke nackte Glühbirnen. Das Bad ist verschwunden; alle Bewohner haben Schlüssel zum Sanitärcontainer vor ihren Blocks bekommen. Dort gibt es zwei Pissoirs, zwei Toiletten, zwei Duschen - unisex. In den Wohnungen selbst funktioniere das Wasser eher sporadisch, sagt Dondorf. Wer nachts mal müsse, schütte eben einen Eimer Wasser hinterher. Fazit? „Meine Wohnung ist unbewohnbar.“

Also ist Monika Dondorf ins Exil geflüchtet, zu ihrem Sohn nach Mühlheim. In die Hugo-Wolf-Straße kommt sie trotzdem täglich, um sich gemeinsam mit ihrer Schwester Petra Gerlach um die Mutter zu kümmern. „Dass das hier so ein riesiger Aufwand werden würde, war uns nicht bekannt“, bedauern die Geschwister. Zwar habe die Nassauische Heimstätte Renovierungspläne schon im Oktober 2006 angekündigt, doch dann sei lange nichts und schließlich alles sehr plötzlich passiert. „Man hat uns da ins kalte Wasser geworfen.“Und auch die Kommunikation mit den Ansprechpartnern vor Ort habe bisher kaum Ergebnisse gebracht. Nur am Montag dieser Woche, da habe die Bauaufsicht im Block gestanden, und seitdem sei größere Mühe zu erkennen.

Dass es bei umfangreichen Instandhaltungen wie denen in der Hugo-Wolf-Straße Belastungen gibt, sei nicht zu vermeiden, sagt Jens Duffner, Sprecher der Nassauischen Heimstätte. „Und wir haben im September vergangenen Jahres in einem Schreiben an die Mieter auch ausdrücklich formuliert, was wir planen und dass es schwierig werden kann. Es sind immerhin 95 Wohnungen, wir können da nur an das Verständnis der Bewohner appellieren.“

Verständlich sei andererseits sicher auch, dass Wasser- und Stromleitungen in mehr als 30 Jahre alten Häusern grundlegend erneuert werden müssten. Bei dieser Gelegenheit werde dann gleich alles auf den aktuellen Stand gebracht. Keine direkten Auswirkungen haben soll die Sanierung hingegen auf die Mieten. Duffner: „Alle Maßnahmen sind mietneutral.“

Lärm- und schmutzneutral seien sie zwangsläufig nicht. Deshalb habe das Unternehmen ein halbes Dutzend im vergangenen Jahr frei gewordene Wohnungen vor der Sanierung nicht mehr vergeben. Sie seien jetzt quasi Manövriermasse für Mieter, die beispielsweise Schicht arbeiten und am Tag dringend schlafen müssen.

Für die 76-jährige Sonja Stehr spielt diese Offerte vielleicht keine Rolle mehr. Ihr gebrochener Arm ist mittlerweile angeschwollen und muss vielleicht im Krankenhaus operiert werden. Und das, sagt Monika Dondorf und denkt an ein ruhiges Krankenzimmer, sei vermutlich nicht mal in jeder Hinsicht ein Unglück.

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