Alles in trockenen Büchern

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In den zum Schutz des teils lichtempfindlichen Bestands abgedunkelten Räumen, forschen Hobbyhistoriker. Der Fundus ist üppig und teils auf langlebigen Mikrofilmen doppelt gesichert.    

Offenbach - In ausschließlich realer Geschichte gewidmeten Räumen über die Vorzüge der fiktiven Geschichten um Harry Potter nachzudenken, wäre noch vor wenigen Wochen sicher etwas daneben gewesen. Von Marcus Reinsch

Doch seit am 3. März das Kölner Stadtarchiv in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus und dem städtischen Gedächtnis eine Amnesie historischen Ausmaßes einbrockte, dürfte eines der Attribute der Bücher von Joanne K. Rowling selbst in den Augen derer an Faszination gewinnen, die Massenware sonst eher verschmähen: Harry Potter ist längst unauslöschlich; von den Abenteuern des Zauberlehrlings wird bis in alle Ewigkeit irgendwo auf der Welt ein heiles Exemplar aufzutreiben sein.

Mehr als 8000 Bücher stehen bereit, rund 3000 Postkarten zeigen Ansichten aus der Vergangenheit. Dazu gibt es fast unzählige Dokumente, Zeitungen, Noten aus dem Verlagshaus André, Stadtpläne, Fotographien. 

Das kann kein Stadtarchiv von seinen Beständen behaupten. Zauberwort: Einzigartigkeit. Was stets Segen war, kehrt sich zumindest beim Gedanken an Köln zum Fluch. Dass die Historienbewahrer in Offenbachs Stadtarchiv die Lage trotzdem entspannt sehen dürfen, ist dem Umstand zu verdanken, dass ihrem Domizil eine wohl wesentliche Zutat der Kölner Katastrophe fehlt: Der Bernardbau in der Herrnstraße, auch Heimat des Hauses der Stadtgeschichte, wird nicht von U-Bahn-Bauern untergraben.

Dass eine entschiedene Verbundenheit mit dem Boden der Tatsachen trotzdem ratsam ist, haben Archivleiterin Anjali Pujari und ihre Mitarbeiter vor zwei Jahren noch tiefer als zuvor verinnerlicht. Zwar sind die S-Bahn-Röhren an der Berliner Straße ihrerzeit auf sicherer Distanz geblieben. Doch der Main, vom Bernardbau nur einen Steinwurf entfernt, ist auch nicht ohne. In der im Vergleich zu den oberirdischen Geschossen unerwartet hohen Luftfeuchtigkeit eines Kellerraums, der vorübergehend als Magazin für einen Schwung städtischer Dokumente aus den Dekaden zwischen 1850 und 1920 gedient hatte, glückte dem Schimmel eine Invasion. Er fraß sich durch Amtsbücher, bevor der Raum für Archivzwecke zur Tabuzone wurde, verwandelte einen Teil der Dokumente in Brei. Es waren hauptsächlich alte Rechnungen, keine wertvollen Prunkstücke.

Wobei das subjektiv ist. „Im Prinzip ist alles wertvoll. Stadtgeschichte kann ja nur in der Breite der Quellen überliefert werden“, stellt Pujari fest. Es gibt natürlich objektive Kriterien - Ausgestaltung und Ausstattung, Alter und Zustand. Und beispielsweise der Verlust der Bibliothek mit allen wichtigen Werken zur Offenbacher Stadtgeschichte, die der Fabrikant August Hecht der Stadt vermacht hat, wäre eine Art universelle Katastrophe.

Historisch wertvolle Dokumente dürfen nur mit den weichen Handschuhen berührt werden, die im Stadtarchiv bereit liegen.

Doch den Wert einzelner Exemplare bestimmt vor allem der Nutzen. Was meist in vor zerstörerischen chemischen Reaktionen und Staub schützenden säurefreien Kartons in den tonnenschweren Regalanlagen lagert, ist nicht nur Anschauungsmaterial. Im holzgetäfelten Lesesaal mit Originalparkett und Kassettendecke - von hier lenkten die Gebrüder Bernard ihre Schnupftabakfabrik - sitzen Heimatforscher und Hobbyhistoriker, sichten mit weichen, weißen Handschuhen Dokumente, Bücher, Postkarten, Zeitungen, Noten aus dem Verlagshaus André, Stadtpläne, Fotographien aus vergangenen Jahrhunderten.

Da misst sich der Wert auch immer wieder am Erinnerungswert. Wer nach dem Zweiten Weltkrieg eine Familie satt bekommen musste, wird dem damals in der Besatzungszone verteilten Heftchen „Amerika hilft uns kochen - Rezepte mit US-Lebensmitteln für die deutsche Hausfrau“ mehr abgewinnen als dem „Sterberegister der Israeliten von 1838-1875“. Andererseits rufen auch immer wieder Menschen aus aller Welt an, die die Fährten ihrer Ahnen nachvollziehen wollen - und sich weniger für das unersetzliche Original der Privilegien interessieren, dank derer die Hugenotten ihr Dasein als Glaubenflüchtlinge hinter sich lassen konnten. Obgleich natürlich gerade dieses Kapitel der Stadtgeschichte besonders wertvoll ist. Ohne ein „Exclusiv-Privileg“, das seinerzeit Johann Nikolaus Bernard die ungehinderte Ein- und Ausfuhr von Rohstoffen und Waren zusicherte, gäbe es den Bernardbau wohl kaum.

Das wäre schlimm. Denn Architekt Max Schröder entwarf die in der Offenbacher Denkmaltopographie als „bedeutendes Industriedenkmal“ geadelte ehemalige Schnupftabakfabrik 1896 so, dass sie heute ein großartiges Gefäß für die Stadtgeschichte ist. Der Backsteinbau mit Basaltsockel steht stabil, die Decken sind tragfähig genug für zusammengerechnet drei Kilometer Magazinregale.

Und die Luft ist beinahe ideal, um Geschichte zu konservieren. „Bei uns ist es so trocken, dass wir nicht mal Ungeziefer haben“, sagt Pujari. Und sollte sich doch mal ein Krabbeltier in den Bernardbau verirren, wird es den Zahn der Zeit nicht beim Verzehr des für Offenbach wichtigsten Dokuments unterstützen können. Die erste urkundliche Erwähnung Offenbachs von 977 liegt im Frankfurter „Institut für Stadtgeschichte“. Das allerdings, gibt die Archivleiterin zu, „wurmt dann doch irgendwie.

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