Mit ruhiger Hand

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Spektakuläres Schauspiel, für das die Mainstraße mehrere Stunden gesperrt war: Mit zwei Autokränen hob in der Nacht zum Freitag eine Spezialfirma drei Heizkessel aus dem ehemaligen Allessa-Chemiewerk über den Maindeich.

Offenbach - Die letzten Anlagen sind verkauft und verschifft. Allessa gibt um Mitternacht den Industriepark zurück an Clariant. Alles weitere sind große Pläne. Von Martin Kuhn

„Nass von oben bis unten. Mistwetter!“ Fotograf Bernd Georg flucht noch am Tag danach. Nachts um halb drei verweigert eine Kamera den Dienst. „Da bin ich heim.“

Bis zu diesem Zeitpunkt dokumentiert er die letzten Aktivitäten des Pächters Allessa-Chemie im Industriepark, den viele noch als „Hoechst“, kaum noch einer als „Naphtol“ kennen. Es ist ein besonderes Schauspiel auf der gesperrten und von Scheinwerfern erleuchteten Mainstraße.

Laut Sprecher Dirk Rühl ist es für Allessa die „letzte große Aktion“. Aus dem ehemaligen Heizkraftwerk bauten Arbeiter drei Heizkessel aus, jeweils ungefähr 80 Tonnen schwer. Für die funktionierenden Aggregate hat das Unternehmen einen Käufer gefunden – in Mannheim. Dorthin gelangen sie auf dem Wasserweg. Um einiges spektakulärer ist da schon die Verladung auf das Schiff. Auf solche Aktionen hat sich die Bischofsheimer Eisele AG spezialisiert.

Knallgelbe und meist imposante Fahrzeuge

Flapsig gesagt und das große technische Know-how vernachlässigend: Das mittelständische Unternehmen (60 Mitarbeiter) von der anderen Mainseite mag’s in luftiger Höhe und hebt gern schwere Sachen. Im Fachjargon heißt so etwas  Schwerlastunternehmen. Die Firma, zu erkennen an den knallgelben und meist imposanten Fahrzeugen, ist bekannt für zeitnahe Lösungen. Da lassen sich die Experten nicht von Wetterkapriolen bremsen, die unseren Fotografen durchfeuchten.

Die Eisele AG ist in dieser Nacht mit zwei achtachsigen 500-Tonnen-Autokränen, die auf dem Mainvorgelände stehen, und Begleitfahrzeugen angerückt. Der Personalaufwand ist vergleichsweise gering: sieben Mann. Mit ihren Teleskopauslegern hieven die gewaltigen Kräne die Heizkessel scheinbar spielerisch über den Maindeich. „Da braucht es eine ruhige Hand und viel Erfahrung“, sagt Betriebsleiter Dennis Eisele mit gewissem Stolz in der Stimme. Entscheidend sind stets die gute Vorbereitung: exakte Nivellierung der Fahrzeuge, der richtige Stützdruck, ausreichende Kontergewichte.

Bei Notfällen musste die 103-Meter-Arbeitsbühne ran

Mit ihrem Fuhrpark (allein 30 Autokräne) decken die Bischofsheimer die gesamte Palette von der Beratung, über die Vermietung bis hin zum Komplettservice ab – und zwar europaweit. Mitunter müssen die Arbeiter allerdings gar nicht so weit fahren. In diesem Jahr hat die Eisele AG in Offenbach bei zwei Unglücken rasch geholfen – im Mai am Spessartring, als ein Baukran in Schieflage geriet, im Dezember am City-Tower, als eine Arbeitsbühne die Fassade beschädigte. In beiden Notfällen musste die 103-Meter-Arbeitsbühne ran und für eine schnelle Lösung sorgen. Da gerät die finale Verladung im Industriepark geradezu zum gemächlichen Akt.

Noch langsamer dürfte die weitere Entwicklung des etwa 35 Hektar großen Areals voranschreiten. Aufgrund der Größe, Bedeutung und Potenziale ist es der Stadt wichtig, „steuernd auf die Entwicklung Einfluss zu nehmen“. Grundsätzlich soll das Gelände als Gewerbestandort erhalten werden – dafür steht unter anderem die Pelletanlage der EVO. Weitere Idee: Ein Teil im Norden des Areals wird für Wohnungen genutzt. „Die Lage direkt am Main und in Nachbarschaft des Kuhmühltals auf der östlichen Seite des Gebiets zwischen Offenbach und Bürgel ist attraktiv“, begründet das die Stadt. Das beinhaltet eine neue Verkehrslösung. Künftig soll die Mainstraße direkt an den Mainzer Ring angebunden sein. Dadurch würde die Mainstraße im Bereich des Kuhmühltals zwischen dem Gebiet und Bürgel wegfallen. Um dieses Projekt zu stemmen, ist allerdings mehr als ein Autokran nötig...

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