Alltag wieder selbst anpacken

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Uli Kuhn, Tanja Sand und Jutta Burgholte-Niemitz gründen mit Angehörigen eine selbstverwaltete WG für Demenzkranke.

Offenbach - An der Geleitsstraße entsteht neben einem Quartierszentrum eine Wohngruppe für Demenzkranke. Das Interesse ist groß. Von Veronika Schade

Demenz ändert alles. Eine bittere Erfahrung, die in Deutschland 1,2 Millionen Alzheimerkranke und ihre Angehörigen machen. Und irgendwann stellt sie sich, die Frage, die zwangsläufig im Kampf verschiedenster Emotionen mündet.

Was tun mit dem Erkrankten? Soll er in eine Einrichtung oder kann er zuhause gepflegt werden? Gefühl oder Vernunft, Bequemlichkeit oder Zeitaufwand und nicht zuletzt die Kostenfrage – kaum eine Entscheidung fällt schwerer. Und dennoch bleibt nicht selten am Ende das Gefühl, den geliebten Menschen einfach ins Heim „abgeschoben“ zu haben.

Die Vision, dass es auch anders gehen kann, hat die Frankfurter Hans-und-Ilse Breuer-Stiftung. Sie widmet sich neben intensiver Alzheimer-Forschung der Hilfe für Betroffene und ihre Angehörigen. In Offenbach investiert sie in ein Projekt, das Modellcharakter haben soll übers Rhein-Main-Gebiet hinaus. In der Geleitsstraße 94 lässt sie eine denkmalgeschützte Villa zum „StattHaus“ umbauen, das Begegnungs- und Informationsstätte werden und neun Patienten eine neue Heimat bieten soll. Das Besondere: Es handelt sich um keine stationäre Einrichtung, sondern um eine Wohngruppe, die ambulant betreut wird. Die Bewohner meistern ihren Alltag selbst, indem sie und ihre Familien sich gegenseitig zur Seite stehen, der Pflegedienst kommt zusätzlich. „Es sind selbstverwaltete Strukturen wie in jeder anderen WG auch“, sagt Stiftungs-Sprecherin Uli Kuhn.

Sozialarbeiterin und Projektleiterin Jutta Burgholte-Niemitz hofft, dass im nächsten Frühjahr die Bewohner einziehen können. „Wir haben eine zweijährige Aufbauzeit hinter uns in vielen kleinen Schritten.“ Das Projekt nimmt immer konkretere Formen an. Die Plätze sind fast alle vergeben, regelmäßig tauschen sich die Angehörigen untereinander aus. Jeder Gedanke, jede Idee, jede Erfahrung ist dabei von großem Wert, leisten die Offenbacher doch Pionierarbeit. „Sie gestalten eifrig mit, haben Freude daran, das Programm aufzubauen“, freut sich Burgholte-Niemitz. Von sich aus gründeten sie mittlerweile zwei Selbsthilfegruppen, in denen sie ihre Sorgen und Nöte, aber auch Freuden mit den Demenzkranken teilen. Bei den Planungs-Sitzungen fürs „StattHaus“ steht die Praxis im Mittelpunkt, geht es jetzt um die Aufgabenverteilung. Etwa, wer putzt.

Jeder Angehörige bekommt einen Schlüssel. So kann – und soll – er aktiv teilhaben am Leben des Erkrankten. „Er muss bereit sein, Zeit einzubringen“, stellt Projektbetreuerin Tanja Sand klar. Das Modell sei nicht für jeden geeignet, bestätigt Burgholte-Niemitz. „Man darf es nicht idealisieren.“ Doch wer sich darauf einlässt, findet andere Rahmenbedingungen als bei der herkömmlichen Demenztherapie vor, die sich positiv auf den Verlauf der Krankheit auswirken können. „In staatlichen Einrichtungen sind die Abläufe zentral geregelt. Hier nicht. Das kommt den Menschen entgegen, weil sie selbst aktiv werden müssen.“

- www.breuerstiftung.de

Die Therapie orientiert sich am WG-Alltag, der Alltag am Häuslichen. Ob Tisch decken oder Spülmaschine einräumen – für die Betroffenen ist ein Gewinn, solche Dinge plötzlich wieder zu können. „Die Demenz schreitet nicht so schnell fort, das Verhalten ist weniger auffällig, es kommt seltener zu Stürzen“, zählt Burgholte-Niemitz auf, was in vergleichbaren Wohngruppen festgestellt wurde.

Die Kosten sind laut der Projektleiterin „nicht günstiger als in einem Pflegeheim“. Wer selbst mehr Betreuungsleistungen erbringe, könne eventuell mit niedrigeren Kosten rechnen. Wie so vieles, wird es sich im Laufe der Zeit zeigen: „Der Prozess ist in vollem Gange.“

Neben der Wohngruppe soll das „StattHaus“ ein Café und ein Quartierszentrum beherbergen. Wichtig ist es Burgholte-Niemitz, „die Bürger mitzunehmen“. Jeder, der sich engagieren möchte, beispielsweise als Gruppenpate, ist willkommen. Auch die Nachbarn. „Sie leiden unter den langen Bauarbeiten. Aber wenn sie abgeschlossen sind, entsteht etwas, das der ganzen Stadt zugute kommt.“

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