Alphabetisierungskurs

Erster Buchstabe mit 63 Jahren

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Kursleiterin Melanie Bella (links) ist stolz auf Ursula S. und Christian Pless, die sich getraut haben, schreiben zu lernen im Alphabetisierungskurs an der Vhs.

Offenbach - Wer nicht richtig lesen und schreiben kann, hat im Alltag stark zu kämpfen. So geht es allein in Offenbach etwa 11.000 Menschen. Einige haben sich getraut und besuchen an der Vhs einen Alphabetisierungskurs. Von Veronika Schade 

Wann kommt der nächste Bus? Was steht auf dem Hinweisschild? Und was besagt eigentlich dieses Formular? Alltägliche Dinge sind eine große Herausforderung für jeden, der nicht richtig lesen und schreiben kann. Die Zahl dieser Menschen ist in Deutschland überraschend hoch. Wie eine Anfang 2011 von der Uni Hamburg veröffentlichte Studie zeigt, sind bundesweit 14 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung „Funktionale Analphabeten“. Übertragen auf Offenbach ist davon auszugehen, dass in der Stadt mindestens 11.000 Menschen dieses Handicap haben, von denen 60 Prozent erwerbstätig sind.

„Die meisten haben sich Tricks angeeignet, um ihr Problem zu kaschieren. Ein Klassiker zum Beispiel ist, man habe die Brille vergessen“, sagt Melanie Bella. Seit zwei Jahren leitet sie an der Offenbacher Volkshochschule Alphabetisierungskurse mit dem Titel „Grundkenntnisse im Lesen und Schreiben erwerben und auffrischen“. Bei höchstens acht Teilnehmern pro Kurs kann sie jedem individuell zur Seite stehen: „Der Kenntnisstand ist sehr unterschiedlich, deshalb kann man nicht nach einem festen Schema vorgehen. Es gibt auch kaum Übungsmaterial für diese Menschen.“

Es geht der Dozentin nicht darum, grammatikalische Regeln einzutrichtern. „Das wollen die Teilnehmer auch nicht“, weiß sie. „Wir lernen nur ganz Grundlegendes wie Namenswörter und Tuwörter.“ Vielmehr werden lebensnahe Übungen gemacht – Briefe an den Vermieter, Grußkarten an Freunde schreiben, Fahrpläne lesen.

„Ich schäme mich“

„Ich versuche, die Sinne anzuregen, arbeite viel mit Kärtchen und Buchstabenlegeplättchen“, erklärt Bella. Die Fortschritte seien sehr unterschiedlich, nach den Semesterferien gebe es oft Rückschritte. Die meisten Teilnehmer sind von Anfang an dabei. „Bis sich alles gefestigt hat, dauert es etwa fünf Jahre“, sagt die Leiterin, die über die Arbeit mit Legasthenikern zum Thema Funktionaler Analphabetismus kam und mehrere Fortbildungen absolvierte. „Wichtig ist, dass alle aus eigenem Antrieb hier sind.“

So wie Christian Pless. Der 24-Jährige ist in der Regelschule „nicht gut mitgekommen“, kam auf eine Förderschule. „Die Gruppen waren zu groß, es war unruhig, die Lehrer haben wenig gefordert“, sagt er rückblickend und findet: „Ich bin durchs Schulsystem gefallen.“ Seine begonnene Ausbildung zum Koch musste er wegen der Theorie abbrechen.

„Klar, ich schäme mich dafür“, beschreibt er seine Alltagsgefühle. Obwohl er sein Handicap meist gut überspielen könne. Er beteiligt sich derzeit an einer Reha-Maßnahme in den Werkstätten Hainbachtal, ist ehrgeizig, will viel mehr erreichen: „Einen richtigen Beruf lernen.“ Der Hauptschulabschluss ist sein Ziel, das er mithilfe des Alphabetisierungskurses erreichen will. Bella ist zuversichtlich, dass er es schafft.

Erste Lernerfolge

Mit ganz anderen Voraussetzungen kam eine 63-jährigen Teilnehmerin, die anonym bleiben möchte. Sie ist in der Türkei in einem kleinen Dort als älteste von acht Geschwistern aufgewachsen. Die Eltern haben sie nie zur Schule geschickt, obwohl sie gern wollte. Auch in Deutschland konnte sie sich den lang gehegten Wunsch zunächst nicht erfüllen. „Jetzt sind die Kinder aus dem Haus, ich habe endlich Zeit dafür.“ Sie genießt die kleinen Auszeiten im Kurs und ist überzeugt: „Ohne Bildung ist man nur ein halber Mensch.“

Stets habe sie sich geschämt und niemandem verraten, dass sie Analphabetin ist. Auch nicht ihren Kollegen in der Textilindustrie, wo sie jahrelang arbeitete. Ihre Unterschrift konnte sie auswendig schreiben, war mit allem anderen stets auf die Hilfe anderer angewiesen. „Das war mir unangenehm“, so die Offenbacherin. Umso stolzer ist sie, dass sie jetzt kurze Texte verstehen kann. „Ich bin schon viel selbstbewusster“, sagt sie strahlend und hat hehre Ziele: „Ich will Zeitungen lesen und viele Bücher, am liebsten jeden Tag eins!“

Die Welt der Buchstaben

Teilnehmerin Ursula S. geht es vor allem darum, die deutsche Schriftsprache zu lernen. In ihrem Heimatland Polen machte die Krankenpflegerin einen regulären Schulabschluss. „Aber Deutsch konnte ich bisher nur mündlich aus dem Alltag, ich bin seit elf Jahren hier.“ Und da sie sich entschlossen hat, zu bleiben, erhofft sie sich vom Kurs mehr Sicherheit. „Es ist auf jeden Fall schon besser geworden“, freut sie sich.

Schwerer tut sich ein 48-Jähriger, der seinen Namen nicht verraten möchte. „Es dauert etwas länger bei mir“, gibt er zu. Als Kind sei er von der Schule geschmissen worden. „Es gab immer viel Krach zuhause, deshalb hatte ich es nicht so mit Schule.“ Seit vielen Jahren arbeitet er als Maler und Lackierer. „Mein Chef weiß, dass ich nicht lesen und schreiben kann. Aber er weiß, was er an mir hat, dass ich gut arbeite.“ Obwohl er im Alltag zurechtkomme, sei ihm sein Handicap „ein bisschen peinlich“. Und schließlich mache ihm der Kurs auch Spaß.

„Jedes Jahr nehmen wir am Schreibwettbewerb des Bundesverbands für Alphabetisierung teil“, berichtet Leiterin Bella. „Darauf sind die Teilnehmer stolz.“ Und erst recht darauf, dass sie sich geraut haben, sich der Welt der Buchstaben zu stellen.

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