„Alt sein ist nichts für Feiglinge“

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Das Interesse an Informationen war groß beim Tag der Selbsthilfegruppen, dessen 23. Auflage am Samstag in der Innenstadt stattfand.

Offenbach - „Selbsthilfe boomt“, weiß Thomas Schüler vom Selbsthilfebüro Offenbach. Seine Aussage bestätigt der Erfolg des 23. Selbsthilfegruppentags am Samstag in der Innenstadt. Von Veronika Szeherova

Es herrschte ein reger Zulauf an den Ständen, die Besucher machten mit bei Aktionen wie Blutzuckerwerte und Blutdruck messen oder die Augen testen, versetzten sich mittels Rauschbrille künstlich in einen alkoholisierten Zustand oder ließen ihre Organspendeausweise laminieren. Ein Angebot stand jedoch an allererster Stelle – die Information.

Über 40 Selbsthilfegruppen aus Stadt und Kreis, so viele wie noch nie, stellten sich vor. Möglichkeiten zum Gespräch gab es reichlich, und sie wurden genutzt. Auch von den Bevölkerungsgruppen, die bislang eher außen vor standen: „Zum ersten Mal starten wir hier den Versuch, gerade auch Menschen mit ausländischen Wurzeln mit der Arbeit der Selbsthilfegruppen vertraut zu machen, ihnen die Türen zu öffnen“, erklärt Schüler das größte diesjährige Novum. Dafür wurden Infobroschüren in mehreren Sprachen gedruckt und ein eigener Stand aufgebaut. „Dieser Infostand ist türkisch besetzt, so dass mögliche Sprachbarrieren gar nicht erst auftauchen“, so Schüler. Auch die Hinweisschilder waren mehrsprachig: „Da steht was in meiner Sprache, da gehe ich auch hin“, lautet das Prinzip.

Yasemin Özer war dabei eine der Ansprechpersonen an dem neuen Stand. „Es sind unter anderem moslemische Frauen aus Marokko, Pakistan und Palästina hier gewesen“, berichtet die Diplom-Pädagogin. Sie schilderte den Besucherinnen die Arbeit des Selbsthilfebüros und ermutigte sie, sich an die einzelnen Gruppen zu wenden.

Das Stichwort „Mut“ fiel bei vielen Gesprächen

Mut ist ein Stichwort, das bei vielen Gesprächen gefallen ist. „Alt sein ist nichts für Feiglinge“, findet auch Stephan Detig von der Schlaganfall Selbsthilfegruppe „Leben trotz Schlaganfall .“

Sie hilft bei praktischen Fragen wie der Pflegedienstbeschaffung oder der Finanzierung, denn „krank sein ist in unserer Gesellschaft teuer.“ Doch, wie Detig erklärt, ist auch die psychologische Unterstützung eine grundlegende Säule der Selbsthilfegruppe: „Patienten und Angehörige müssen lernen, mit der neuen Situation umzugehen. Wir stehen ihnen mit Beratung und Begleitung zur Seite.“ Der familiäre Zusammenhalt sei für das Wohlbefinden der Patienten ausschlaggebend. So sei es bewiesen, dass Patienten in der Tagespflege, die nachmittags wieder zurück ins häusliche Umfeld dürfen, sich psychisch meist besser fühlen als Patienten, die in einer Reha-Klinik sind, obwohl die Kliniken besser ausgestattet sind.

Trend in Richtung „psychologische Hilfe“

Thomas Schüler vom Selbsthilfebüro sieht einen Trend in Richtung „psychologische Hilfe“. Neben den „klassischen“ Gruppen wie Herzerkrankungen, Bluthochdruck oder Krebshilfe waren solche Angebote vertreten wie Hilfe bei Traumatisierungen, Borderline-Störung oder Panik- und Angsterkrankungen.

Waltraud Falkenberg von der Panik- und Angst-Selbsthilfe litt selbst fünf Jahre lang unter so starker Platzangst, dass sie sich nicht aus dem Haus traute. „Tiefgehende Einschnitte im Leben wie Trennungen, die Umstellung von der Schule aufs Berufsleben oder aktuell die Wirtschaftskrise können solche Angstzustände auslösen“, erklärt Falkenberg. „Nun weiß ich, dass man dieser Angst entkommen kann, und möchte anderen Menschen dabei helfen.“

Sie rief vor 15 Jahren die Selbsthilfegruppe ins Leben und hält Schulungen ab. Etwa sieben Menschen kommen jede Woche zur Selbsthilfegruppe, die meisten bleiben ein bis zwei Jahre.

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