Tierischer Therapeut

Zurück in diese Welt geholt

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Therapeutin Yvonne Porzig, Ottilie Krug und Renate Krauß (beide Vorstand Freundeskreis Evangelischer Frauenverein) freuen sich über den Scheck von Sparkassen-Vorstand Werner Schwind. So kann Hund Fly noch länger ins Elisabeth-Maas-Haus kommen.

Offenbach - Im Altenpflegeheim Elisabeth-Maas-Haus ist Fly der neue Star. Demenzpatienten blühen auf, wenn der tierische Therapeut in ihrer Nähe ist. Doch sein Einsatz ist teuer. Von Veronika Schade 

Vorsichtig streicheln die Hände der alten Dame über das Fell von Fly. Der neunjährige Rüde legt seinen Kopf auf ihr Knie. Sie strahlt. „Das ist der allerliebste Hund, den ich je gesehen habe. Ich möchte ihn am liebsten küssen.“ Mit einem Seitenblick auf Frauchen Yvonne Porzig überlegt es sich die Demenzpatientin, die sonst kaum Notiz von den Geschehnissen um sie herum nimmt, anders. „Ach nein, das gibt sonst Eifersucht. “ Dafür bekommt der Hund noch mehr Streicheleinheiten und einige Extra-Leckerlis.

Was nach einem wahren Hundetraum klingt, ist für Fly harte Arbeit. Seit Mitte Mai ist er als Therapiehund wöchentlich im Dienst im Altenpflegeheim Elisabeth-Maas-Haus an der Andréstraße – mit Yvonne Porzig, einer examinierten Altenpflegerin mit Weiterbildung zur „tiergestützten Therapie, Pädagogik und Förderung“.

Einrichtungsleiterin Anne Dunajtschik brachte den Stein ins Rollen. Zunehmend werden Hunde in der Altenhilfe eingesetzt, von den Ergebnissen ist sie überzeugt. „Mein Wunsch ist es, damit diejenigen anzusprechen, die an sonstigen Veranstaltungen im Haus nicht so gut teilhaben können“, berichtet sie, „also vor allem Bettlägerige und Menschen, die schwer an Demenz erkrankt sind.“ Doch der Einsatz der tierischen Therapeuten kostet Geld. Geld, das im Elisabeth-Maas-Haus nicht auf der hohen Kante liegt.

Ohne Hilfe geht es nicht

Der Freundeskreis Evangelischer Frauenverein unterstützt die Betreuungsangebote der Einrichtung, stiftete 3000 Euro dafür. Das reicht für ein halbes Jahr. Die Sparkasse Offenbach überreichte zudem gestern eine Spende von 1200 Euro, mit denen weitere drei Monate bezahlt werden. „Ich hoffe sehr, dass wir danach weitermachen können“, sagt Dunajtschik. „Doch ohne die Hilfe von Sponsoren geht es nicht.“

Der Kontakt mit dem Tier mache viele Patienten zu völlig neuen Menschen, schwärmt die Heimleiterin. „Sie blühen auf, sind viel aufgeschlossener.“ So habe etwa eine Bewohnerin, die viel privaten Kummer hatte, mit niemandem richtig über ihre Sorgen gesprochen. Als der Hund sich zu ihr ans Bett legte, vertraute sie sich ihm an. „Dass ich dabei war, blendete sie aus“, berichtet Besitzerin und Ausbilderin Porzig. „Sie hat alles nur ihm erzählt. Ein Hund hört aufmerksam zu. Und er wertet nicht.“

Gefühl der Geborgenheit

Weitere Informationen lesen Sie im Internet.

Bei den Sitzungen, die entweder in einer kleinen Gruppe oder einzeln stattfinden, spielt die körperliche Nähe eine wichtige Rolle. Sie gibt den Menschen ein Gefühl der Geborgenheit, des Vertrauens. „Viele hatten früher Tiere zuhause und fangen dann an, von ihnen zu erzählen“, sagt Porzig. Der Hund hat die Aufgabe eines „Öffners“, er ermöglicht überhaupt einen Kontakt mit den oft in sich gekehrten, in ihrer Welt lebenden Menschen. „Zumindest für eine Weile können wir sie zurück in diese Welt holen“, erklärt die 34-Jährige, die jeden Donnerstag aus Ronneburg anreist.

Auch körperliche Aktivität gehört dazu. Fly bringt Gegenstände, holt sich Leckerchen ab, bringt die Menschen dazu, spazieren zu gehen. „In vielen weckt er einen Fürsorgetrieb“, sagt Porzig lächelnd. Mehr als 90 Minuten Arbeit am Stück mutet sie ihm aber nicht zu. „Es ist sehr anstrengend, er muss sich stark konzentrieren“, sagt sie über den Podenco-Mischling, den sie als Welpen aus Spanien mitgebracht hat. „Nach der Arbeit braucht er immer ein paar Stunden Schlaf.“

Clowndoktoren im Haus Dietrichsroth

Im Dienst trägt Fly ein rotes Halstuch. Wird es abgenommen, ist es sein Zeichen für den Feierabend. Für sein Frauchen ist die Arbeit damit jedoch noch nicht vorbei. Sie dokumentiert jede Sitzung schriftlich, tauscht sich mit der Heimleitung über die Bewohner aus.

Die 81-jährige Demenzpatientin erinnert sich daran, wie sie vergangene Woche mit Fly in diesem Raum war. „Ob er mich wiedererkennt hat?“ „Bestimmt!“, ermutigt Porzig sie. Nur sein Name, der falle ihr gerade nicht ein. Porzig hilft nach: „Fffff.....“ „Fly“, ruft die Frau, „wie fliegen!“ Wieder streichelt sie über sein Fell. „Er ist so ruhig, so anschmiegsam“, sagt sie, bevor sie die Sitzung beendet. „Ich will ihn ja nicht so strapazieren“, ist sie ehrlich besorgt. Zum Abschied wirft sie dem sandfarbenenen Rüden noch einen Blick zu. „Er hat uns viel Freude geschenkt.“

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