Alter Friedhof

Verwahrloste Zeitgeschichte

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Gabriele Schreiber zeigt eines der Gräber auf dem Alten Friedhof, die verwahrlosen, weil niemand sich um sie kümmert. Der Stadt fehlt das Geld.

Offenbach - Jede Menge Gestrüpp und wackelige Grabsteine statt gepflegter Gräber sind auf dem denkmalgeschützten Alten Friedhof ein übliches Bild. Für die Instandsetzung fehlen meist die Mittel. Von Veronika Schade

Zugewucherte Gräber, umgestürzte und verwitterte Grabsteine – auf Offenbachs Altem Friedhof bietet sich dieses Bild immer wieder. Manch einer empfindet es als romantisch und passend für den geschichtsträchtigen Ort. Anderen ist die fortschreitende Verwahrlosung ein Ärgernis.

Gräber nach Ablauf der Nutzungszeit abzuräumen, ist dort im Gegensatz zu den anderen städtischen Friedhöfen nicht möglich. Denn seit 1986 steht der Alte Friedhof in seiner Gesamtheit unter Denkmalschutz. „Grabstätten, die vor 1945 angelegt wurden, müssen stehen bleiben“, erläutert Gabriele Schreiber, Leiterin der Städtischen Friedhöfe. Lediglich neuere Gräber, die keine historische oder künstlerische Bedeutung haben, dürfen beseitigt werden. „Die alten Gräber, bei denen kein Kontakt mehr zu den Familien besteht, fallen zurück an die Stadt“, so Schreiber. „Doch aus den Friedhofsgebühren dürfen wir sie nicht mitpflegen.“ Dienen diese doch der Instandhaltung und Gewährleistung des laufenden Friedhofsbetriebs von den Wegen bis zum Brunnen. Zuständig ist der städtische Eigenbetrieb ESO. Aber die Grabpflege ist reine Privatsache.

Es fehlt an Geld

Sich um die ihr zugefallenen, alten Gräber zu kümmern, dafür fehlt der Stadt das Geld – abgesehen von Kleinstbeträgen. Steine, deren Standsicherheit gefährdet ist, werden mit roten Aufklebern markiert. „Streng genommen könnte man den Friedhof schließen, so viele Steine sind locker“, stellt Schreiber fest. Aus diesem Grund ist der jüdische Teil zur Hälfte mit Flatterbändern abgegrenzt und darf nicht betreten werden.

Das Regierungspräsidium Darmstadt gab drei Jahre hintereinander je 30.000 Euro für die Instandsetzung. „Auf der einen Seite ist alles wieder standsicher, für die andere Seite beantragen wir erneut einen Zuschuss“, sagt die Friedhofschefin.

Um die städtischen Gräber, von denen viele ein wichtiges Zeitzeugnis darstellen und voller Geschichte und Geschichten sind, nicht dem endgültigen Verfall anheimfallen zu lassen, ist die Friedhofsverwaltung auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen. Wer mit einem bestimmten Grab etwas verbindet oder einfach nur Gefallen an ihm findet, kann eine Grabpatenschaft übernehmen. Der Pate ist zuständig für die Restaurierung und Pflege der Grabstätte, bekommt für sie das Nutzungsrecht. „Wenn ein Stein auf dem Boden liegt, aufgerichtet werden muss und ein neues Fundament benötigt, kann das locker 500 Euro kosten“, gibt Schreiber einen Eindruck davon, was auf Paten finanziell zukommen kann.

Aktionen können helfen

Eine andere Möglichkeit sind Aktionen wie die im vergangenen Jahr. „Mitarbeiter der Firma Starbucks haben einen Tag lang gründlich aufgeräumt“, berichtet Hans-Georg Ruppel. Dass sie dabei unter massenhaft Gestrüpp sogar einige bisher verborgene Gräber entdeckten, überraschte selbst den früheren Stadtarchivar, der sonst fast jedes Geheimnis des Friedhofs kennt und mit seinen Führungen immer wieder viele Interessenten anlockt.

Ein Höhepunkt in der neueren Geschichte des 1832 eröffneten Friedhofs ist die Sanierung des Krumm-Mausoleums. 2012 wurde sie mit dem Hessischen Preis für Denkmalschutz gewürdigt. „Es ist ein Beispiel für viel Herzblut, Arbeit und Bettelei“, sagt Schreiber. 2007 entstand die Idee seitens der Friedhofsverwaltung, Helfer und Mittel für eine Sanierung zu finden. Das Mausoleum litt zunehmend unter Grundwasser und Witterung.

Es gelang, Vertreter der Stadt und mehrerer Fachfirmen dafür zu begeistern, bis schließlich das Landesamt für Denkmalpflege aufmerksam wurde und 100.000 Euro zur Verfügung stellte. Weitere 80.000 Euro kamen aus Spenden zusammen, ein Teil davon aus ESO-Mitteln. „Das ist einer unserer Tropfen auf dem heißen Stein“, sagt Schreiber.

Sie betont, dass Denkmalschutz nicht zum vornehmlichen Aufgabengebiet der Friedhofsverwaltung gehört. Deshalb sei gerade der Alte Friedhof eine Herausforderung. Auch auf den Friedhöfen in Bieber und Bürgel gibt es Gräber, die wegen ihrer historischen Bedeutung nicht abgeräumt werden sollen. Um diese kümmern sich die jeweiligen Heimatvereine.

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