Das Alter weggekickt

+
Karl-Heinz Ziehm wird heute 80. Und dürfte damit der älteste noch aktive Fußballer weit und breit sein.

Offenbach ‐ „Gestatten, Ziehm ist mein Name.“ Der ältere Herr lächelt verschmitzt und schnürt weiter seine Nike-Fußballschuhe. Neben ihm gestandene Männer, die sich in der Umkleide des BSC 1899 ebenfalls vorbereiten auf den donnerstäglichen Kick der Soma. Von Matthias Dahmer

Mit Trikot, Hose und den Schuhen alleine ist es bei ihnen nicht mehr getan. Bandagen gehören zur Standardausrüstung. Schließlich zwickt schon mal der Oberschenkel, wollen die Knie nicht mehr so wie früher. Einer ist dabei, der hat das nicht nötig. Richtig: Kalli, wie der freundliche Herr Ziehm von allen nur genannt wird. Dabei könnte er rein altersmäßig fast der Opa von einigen sein, der Vater sowieso.

Karl-Heinz Ziehm wird heute 80. Und dürfte damit der älteste noch aktive Fußballer weit und breit sein. In einem Alter, in dem für viele der Rollator zum unverzichtbaren Fortbewegungsmittel gehört, spielt Kalli noch im Sturm, spult sonntags seine Kilometer auf dem Rennrad herunter und macht im Winter die Pisten unsicher.

Klar, er ist auf dem Platz nicht mehr so schnell wie früher, als er von rechtsaußen die Flanken schlug. Aber für ein, zwei Törchen ist er immer gut. Und es gibt Donnerstage, da ist er der einzige echte Knipser in seinem Team. Wenn er trifft, das ist Ehrensache für die Jungs, freut sich auch der Gegner.

Mit sieben kommt er zum Fußball, spielt in seiner Jugend bei Vereinen, die sich „Turbine“ oder „Aufbau Börde“ nennen.

Da sitzt man ihm nun gegenüber, dem drahtigen, kleinen Mann, der das Alter einfach weggekickt hat, für den das Leben „wunderschön, aber leider zu kurz“ ist, und man stellt ihm die Frage, die gestellt werden muss: Was ist denn sein Geheimnis? Wo steht bloß sein Jungbrunnen? „Ganz einfach“, sagt Kalli, „viel arbeiten, gesund leben und viel Sex“. Ja, das könne man ruhig so schreiben, wischt er mit diesem verschmitzten Lächeln die Zweifel des Journalisten beiseite. Wer so fit auf acht Jahrzehnte zurückblicken kann, den scheren Konventionen offenbar nur noch wenig.

Das war nicht immer so. Als Karl-Heinz Ziehm am 27. März 1930 in Magdeburg geboren wird, war die Welt noch eine andere. Mit sieben kommt er zum Fußball, spielt in seiner Jugend bei Vereinen, die sich „Turbine“ oder „Aufbau Börde“ nennen.

Er sei ein „Hitzkopf“ gewesen in seinen jungen Jahren, sagt Kalli. Seinem Adrenalinpegel ist es denn auch zu verdanken, dass er bei den BSClern gelandet ist: Er ist 26, als er nach einem Liga-Spiel mit einem aus der gegnerischen Mannschaft richtig Krach bekommt. Weil der Typ von der Stasi ist und Kalli sowieso die „Faxen mit dem Regime“ dicke hat, wie er sagt, haut er noch in der Nacht nach der Schlägerei ab gen Westen. Über ein Auffanglager in Berlin kommt der gelernte Tischler und Parkettleger nach Offenbach.

Bevor es ans Gratulieren geht, wird Fußball gespielt

Wo das Leben für Karl-Heinz Ziehm neu beginnt. Weil er beim ersten Mal, mit 23 Jahren, noch nicht reif genug für die Ehe war, wie er sagt, tritt er hier erneut vor den Traualtar. Heiratet seine Annelies, mit der er mittlerweile 42 Jahre verheiratet ist und der er niemals untreu war, wie Kalli versichert.

In Offenbach findet er auch sportlich eine neue Heimat. 1957 tritt er in den BSC ein, spielt für den Verein in A- und B-Klasse, kickt bis zu seinem 70. bei den Rundenspielen der Soma mit. „Und ich werde auch nicht mehr austreten“, sagt er.

Weil sie am Eichwaldweg wissen, was sie an ihm haben, geben sie sich heute alle die Ehre, wenn der jung gebliebene Opa und Ur-Opa, zur großen Geburtstagsfete einlädt. Kalli hat sich extra nochmal auf die Sonnenbank gelegt, „weil man 20 Jahre älter aussieht, wenn man blass ist“, meint er. Bevor es ans Gratulieren geht, wird natürlich Fußball gespielt. Fürs kleine Soma-Turnier ist extra ein Team aus Magdeburg angereist.

Wie lange er noch kicken wird ? „Bis sie mich rausschmeißen“, lautet die Antwort. Das muss er aber nicht befürchten, der Herr Ziehm.

Kommentare