Johanniter setzen auf Pilotprojekt

Wenn die Rente nicht reicht

+
Auch in der Region bekommen es viele Ältere zu spüren: Die Rente reicht nicht mehr, um über die Runden zu kommen.

Offenbach - Das Bild, das Wissenschaftler zeichnen, ist düster: Deutschlandweit sind immer mehr Senioren auf Hilfe vom Staat angewiesen, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht. Von Jenny Bieniek

Sozialverbände warnen vor einer Verstärkung des Armutsproblems und fordern Maßnahmen gegen Armut im Alter. Wie sieht die Situation in der Region aus? Wenn alte Menschen auf ihre alten Tage jeden Euro umdrehen müssen, ist das nicht nur für die Betroffenen eine unschöne Situation. Wenn’s gut läuft, können die erwachsenen Kinder ihnen finanziell etwas unter die Arme greifen. Fällt diese Option weg, bleibt oft nur der Weg zum Amt - den immer mehr wählen.

DIe Warnmeldung: So viele Rentner wie noch nie sind hierzulande auf staatliche Hilfe angewiesen. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, erhielten Ende 2012 knapp 465.000 Menschen über 65 Jahre Leistungen der sogenannten Grundsicherung. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Anstieg von 6,6 Prozent. 2,6 Prozent der über 65-Jährigen sind im Alter auf die Grundsicherung angewiesen. Die Angaben in der Region entsprechen dabei in etwa dem Bundesdurchschnitt. Im Kreis Offenbach stieg die Zahl der Betroffenen über 65 Jahren von 1726 in 2008 auf 1940 im vergangenen Jahr.

Aus Scham nicht zum Amt

„Grundsätzlich beobachten wir eine steigende Tendenz“, bestätigt auch Pressesprecherin Kordula Egenolf. „Wie hoch die Dunkelziffer im Kreis Offenbach ist, weiß aber niemand.“ Viele der heute über 65-Jährigen, so die Vermutung, haben zwar einen Anspruch auf Staatshilfe, meiden aber aus Scham den Weg zum Amt. „Das ist die Kriegsgeneration. Gut möglich, dass sich viele lieber zurückziehen, als sich das Leben mit der Antragstellung ein bisschen leichter zu machen“, so Egenolf. Viele kämen vermutlich auch dank finanzieller Unterstützung über die Runden. „Sicher denken sich die Kinder: ,Bevor ich meine alte Mutter zum Amt schicke, schränke ich mich lieber selbst etwas ein.“

Für Ernüchterung sorgt auch der Blick in den Strukturatlas für den Kreis Offenbach. Bereits 2006 und 2007 wurde die höchste Grundsicherungsquote der über 65-Jährigen unter den südhessischen Landkreisen vermeldet. Dietzenbach belegte dabei den ersten Platz, gefolgt von Neu-Isenburg, Langen und Mühlheim. Fest steht: Weil die Ü-65-Bevölkerung im Kreis bis 2030 um 50 Prozent zunehmen wird, ist auch mit mehr bedürftigen Senioren zu rechnen.

Über 50 Prozent müssen sich im Alltag einschränken

Manche Sozialverbände bekommen es schon jetzt zu spüren. So verzeichnet die Stiftung Lichtblick der evangelischen Marienkirchengemeinde, die in Hanau die Essensausgabe der Tafeln betreibt, eine wachsende Anzahl an Kunden im Seniorenalter. Bei den Tafeln in Dietzenbach sieht es ähnlich aus. Die Helfer vor Ort registrieren eine Zunahme von Armut bei Älteren.

Auch wenn die Zahl der bedürftigen Senioren überall steigen, den allermeisten dürfte es gut gehen, sagen andere. Sabine Fischer, Pressesprecherin der Stadt Rodgau, meint: „Natürlich gibt es Menschen, die finanziell nur schlecht über die Runden kommen; in unseren Beratungsstellen ist uns aber nicht aufgefallen, dass plötzlich übermäßig viele Senioren wegen finanzieller Probleme zu uns kommen.“ Fischer sieht in Rodgau selbst kein größeres Problem mit Altersarmut. Die sogenannte Seniorenbedarfsanalyse, für die in Zusammenarbeit mit der Hochschule Darmstadt bereits 2012 mehr als 2000 Rodgauer über 60 Jahren zu ihrer Lebensqualität befragt wurden, ergab: 45 Prozent der Befragten bewerteten ihre finanzielle Situation als „gut“, drei Prozent sogar als „sehr gut“. Demgegenüber stehen 44 Prozent, die ihre finanzielle Lage als „mittelmäßig“ einstuften. 57,4 Prozent der Teilnehmer gaben an, sich im Alltag einschränken oder sparen zu müssen. „Aber das müssen wohl die meisten. Deshalb gleich von Armut zu sprechen, ist wahrscheinlich übertrieben“, so Fischer. Außerdem nicht ganz unwichtig: In Rodgau wohnen 65 Prozent der Befragten im eigenen Haus, weitere 16 Prozent in einer Eigentumswohnung. Zwar seien die Ergebnisse nicht repräsentativ, aber ein Anhaltspunkt.

Professor Dr. Volker Beck, der die Bedarfsanalyse begleitet und ausgewertet hat, spricht aus bundesweiter Sicht dennoch von einer „besorgniserregenden Entwicklung.“ Immerhin seien 15,3 Prozent der über 65-Jährigen armutsgefährdet. Der Experte fordert deshalb Maßnahmen zur Gegensteuerung. Zudem müsse ein breites öffentliches Bewusstsein für das Problem geschaffen werden. Das Projekt „Pay what you can“ (Du kannst selber bestimmen, was du bezahlen möchtest) der Johanniter-Unfall-Hilfe in Rodgau ist dabei ein erster Schritt. Denn auch wenn die Zahl der Grundsicherungsbezieher im Seniorenalter verhältnismäßig gering ist: Für diejenigen, die es betrifft, reicht es oft nicht einmal für eine tägliche warme Mahlzeit. „Da tickt etwas, das uns alle angeht“, weiß auch Projektleiter Dr. Wilfried Hattke. Seit Sommer bieten die Johanniter in Rodgau mit Unterstützung der Maingau Energie GmbH bedürftigen Senioren deshalb die Möglichkeit, sich über einen bestimmten Zeitraum heiße Menüs nach Hause liefern zu lassen. Statt der sonst üblichen 6,80 Euro zahlen die Teilnehmer nur soviel, wie sie im Stande sind zu zahlen. „Im Schnitt sind das 2,50 pro Mahlzeit“, erklärt Hattke. Professor Beck begleitet das Projekt wissenschaftlich.

Erklärtes Ziel der zunächst auf ein Jahr beschränkten Aktion sei es, auf diesem Weg den Kontakt zu betroffenen Senioren zu halten. Die gesunden Mahlzeiten sollen zudem das Wohlbefinden der Teilnehmer steigern. „Die Menschen, die das Essen liefern, werden in vielen Fällen bereits erwartet“, so seine Erfahrung. Nicht selten stünden die Senioren bereits am Fenster, hielten Ausschau nach dem erwarteten Wagen. „Selbst wenn oft nur Zeit für drei, vier Sätze bleibt: Die Menschen freuen sich über den Kurzbesuch. Wir servieren ihnen die Mahlzeit, registrieren die jeweilige Tagesform. Das ist schon viel wert“, weiß Hattke. Ein schlichtes „Sie sehen gut aus heute“ bewirke schon viel. Auf große Werbemaßnahmen haben die Initiatoren bewusst verzichtet. Stattdessen verbreiteten sie die Information über die örtlichen Seniorenberater in den Kommunen. „Die wissen am besten, wo es Menschen gibt, die diese Hilfe benötigen.“ Der zunächst befürchtete Ansturm blieb aus. Aktuell sind 15 bis 20 Teilnehmer für das Projekt registriert, mehr als 500 Mahlzeiten wurden bereits ausgeliefert.

Dass sie mit dem Angebot längst nicht alle bedürftigen Senioren erreichen, wissen auch die Johanniter. Zumal nicht alle Betroffenen bereit seien, ein derartiges Hilfsangebot in Anspruch zu nehmen. „Dahinter stecken individuelle, teils sehr heftige Schicksale“, weiß Hattke. Die Pilotphase des Projekts endet im Frühjahr. Erst dann, wenn die Auswertung vorliegt, entscheidet sich, ob es eine Fortsetzung geben wird.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare