Altlasten im Kaiserleigebiet: Bahn entgiftet ein Filetstück

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Schon lange dröhnt die Werkssirene nicht mehr an der Berliner Straße 252. Doch jetzt wird in die Hände gespuckt: Die Bahn lässt verdrecktes Erdreich entsorgen.

Offenbach - „Bahnanlage. Betreten verboten.“ Das Schild am Areal Berliner Straße 252 ist reichlich verbeult und irritiert Auswärtige: Selbst in etwas weiterer Umgebung verkehren keine Züge, verlaufen keine Gleise. Von Martin Kuhn

Kein Wunder also, dass die Bahn das zirka 18 000 m² große Gelände verkaufen will. „Und zwar so schnell wie möglich“, betont ein Bahnsprecher. Das versucht die Immobiliensparte des Konzerns schon seit Jahren - vergeblich. Für die Brache fand sich bislang kein Interessent. Das soll sich ändern: In den nächsten Tagen beginnt die Bahn mit der Entsorgung verunreinigten Erdreichs. Die Kosten: mehr als eine Million Euro, vorsichtig geschätzt.

Damit würde endlich ein neues Kapitel geschrieben für ein Areal, das einst Standort einer großen Maschinen- und Werkzeugfabrik war, später als Baustelleneinrichtung für den S-Bahn-Bau unter der Berliner Straße genutzt wurde. Dazu hatte die Bahn 1987 das Grundstück von einer Bank erworben - „zum damals marktüblichen Preis“. Das gesteckte Ziel, nach dem Start der unterirdischen Schnellbahn das Areal sofort zu verkaufen, wurde verfehlt. Und dann wurden Verunreinigungen im Boden entdeckt, die weit älter waren. „Ansprüche konnten wir an niemanden richten. Jetzt müssen wir selbst für die Entsorgung sorgen“, heißt es zerknirscht in der Frankfurter Bahn-Zentrale. Für einen bestimmten Käufer? „So weit sind wir noch lange nicht“, antwortet der Sprecher.

Die Verunreinigungen erstrecken sich nicht über das gesamte Areal, sondern sind punktförmig verteilt - das übliche halt: Öl, Schmierstoffe.

Es sind Überbleibsel aus einem Stück Offenbacher Industriegeschichte. Am 27. Juni 1862 wurde Collet & Engelhard gegründet. An der Berliner Straße stellten mehr als 800 Mitarbeiter Schrauben-Schneidemaschinen, Horizontal-Bohr- und Fräsmaschinen her. Collet-Maschinen aus Offenbach erreichten Weltgeltung, wer dort beschäftigt war, genoss lange die Sicherheit einer Lebensstellung.

1971 aber erfuhren die Mitarbeiter, dass die Gesellschafterversammlung die Schließung des Betriebs beschlossen habe. Einige Monate später mussten sie zusehen, wie die Werkseinrichtungen bei einem Ausverkauf verhökert wurden.

Seitdem ist’s still geworden um die einstige Topadresse. Zwei Jahrzehnte später galten die 18 000 m² sogar als „Filetstück“, als wichtiges Gelenk zwischen Innenstadt und Kaiserlei - so der ehemalige Bürgermeister Stephan Wildhirt. Danach lagen es den Stadtentwicklern und Vermarktern eher schwer im Magen. Jetzt wächst die Hoffnung, dass aus dem Filet doch kein Gammelfleisch wird...

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