Al-Wazir leuchtet weiter am Main

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Bleibt Offenbach erhalten: Tarek Al-Wazir vor dem heimischen Klingspormuseum.

Offenbach - Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) behält seinen stärksten Gegner und Offenbachs Grüne ihr Aushängeschild: Landeschef Tarek Al-Wazir hat sich - entgegen mancher Erwartungen - nicht zu einem Wechsel in die Bundespolitik verleiten lassen. Lieber organisiert er in den nächsten fünf Jahren die Opposition im Wiesbadener Landtag, wo er der einzige ist, der es mit dem Regierungschef rhetorisch aufnehmen kann. Von Wolfgang Harms (dpa) und Alexander Koffka

Politischen Freunden in Offenbach fiel gestern ein Stein vom Herz. Noch beim jüngsten Treffen der Offenbacher Grünen schwankte Al-Wazir kräftig zwischen Berlin und Offenbach. Und seine Parteifreunde baten den als „Lichtgestalt“ Gepriesenen inständig, er möge doch bleiben. Wolfgang Malik, örtlicher Vorstandssprecher der Grünen, warnte auch vor einem Glaubwürdigkeitsverlust, wenn die Person, auf die der jüngste Wahlkampf zugeschnitten war, sich wenige Wochen nach dem Urnengang verabschiedete. Das wäre umso problematischer gewesen, als Hessens Grüne mit dem Offenbacher an der Spitze mehr Wähler als je zuvor überzeugten. Selbst zu Joschka Fischers Zeiten konnten die Grünen von 13,7 Prozent nur träumen.

Neben diesen Erwägungen haben auch persönliche Gründe den Ausschlag gegeben. Al-Wazir lebt mit seiner Frau Bushra Barakat und den beiden kleinen Söhnen in Rumpenheim. Bassam, den älteren der beiden, bringt er morgens in den Kindergarten, bevor er nach Wiesbaden fährt. Vor Younis' Geburt im vergangenen Juni arbeitete Bushra Barakat für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn.

Zwei Hessen-Wahlkämpfe, in denen er als Mann und Vater kaum präsent war, musste die seine Familie binnen eineinhalb Jahren verkraften. „Einen dritten Wahlkampf und einen Umzug wollte ich ihnen nicht zumuten“, begründet er die Entscheidung gegen Berlin.

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Mit 38 Jahren zählt Al-Wazir weiter zu den jüngeren Abgeordneten in Wiesbaden. Gleichwohl ist er ein Parlamentsveteran und der dienstälteste Fraktionschef. 1995 errang er sein erstes Mandat, fünf Jahre später übernahm er die Führung der Grünen im Landtag. Seit er 2007 auch noch Landesvorsitzender wurde, vereint er eine für Grünen-Verhältnisse unerhörte Machtfülle. Die Wahlkämpfe 2008 und 2009 waren ganz auf ihn zugeschnitten. Vor in diesem Jahr nutzte Al-Wazir seine Chance. In TV-Kandidatenrunden übertrumpfte er regelmäßig den unerfahrenen SPD-Mann Thorsten Schäfer-Gümbel.

Der Sohn einer deutschen Lehrerin und eines jemenitischen Ex-Diplomaten verdankt seinen Erfolg einem scharfen Verstand und einer ebensolchen Zunge. In seinen Reden verbinden sich nüchterne Analyse und satirische Spottlust: „Bevor wir uns in schwere See begeben, wollen wir wissen, ob wir auf ein hochseetaugliches Schiff steigen oder auf ein knallrotes Gummiboot“, mahnte er die damalige SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti, als sie auf ein rot-rot-grünes Bündnis zusteuerte. Al-Wazir habe geschickt den Eindruck erweckt, als hätten die Grünen mit dem - letztlich gescheiterten - Experiment gar nichts zu tun gehabt, lästern heute manche Sozialdemokraten.

Bevorzugtes Objekt seiner Angriffslust ist allerdings Koch, dem er bis heute vorwirft, mit seiner Unterschriften-Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft dumpfe Ressentiments geschürt zu haben. „Zum allerersten Mal in meinem Leben wurde ich in meiner Heimatstadt von wutschnaubenden Rentnern, die gerade vom Unterschreiben am CDU- Stand kamen, mit der über den Marktplatz gebrüllten Frage behelligt, ob ich denn überhaupt ,gedient' hätte“, schreibt er auf seiner Internetseite. 2008 verweigerte er Koch bei einem Wahlkampfauftritt sogar den Handschlag - und zog sich dafür den Tadel seiner ebenfalls aus dem Jemen stammenden Ehefrau zu, die ein solches Gebaren gänzlich unpassend fand.

Dabei haben Koch und Al-Wazir manches gemein - außer Rednergabe und Intellekt beispielsweise auch die Treue zur jeweiligen Heimatstadt. Der Grünen-Politiker fühlt sich nach eigenen Worten als „Offenbacher Bub“, als Hobby nennt er „Joggen durch Offenbach“, als bevorzugten Fußballverein die Offenbacher Kickers.

Der geborene Offenbacher Tarek Al-Wazir ist die prägende Persönlichkeit der hessischen Grünen und zudem Rekordhalter als Vorsitzender einer Grünen-Landtagsfraktion: Geboren ist er am 3. Januar 1971 - Schulbesuche in Offenbach (unter anderem Koch-Schule), Frankfurt (Beckmann-Gymnasium) und Sana'a im Jemen - Abitur 1991 - Zivildienst 1991 bis 1992 - Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt, Diplom-Politologe - Seit 1989 Grünen-Mitglied - Von 1993 bis 1997 und seit 2000 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung - Seit 1995 Landtagsabgeordneter - 2000 Wahl zum Vorsitzenden der Landtagsfraktion - Seit 2006 im Bundesparteirat der Grünen - 2007 Wahl zum Landesvorsitzenden.

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