Amand Nowak schreibt bewegende Autobiografie

Licht unter Trümmern

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Der 86-jährige Amand Nowak schreibt über seine persönlichen Erfahrungen im Kapitulationsjahr 1945.

Offenbach - Amand Nowak verarbeitet in „Mein Ende des Tausendjährigen Reiches“ Kriegserinnerungen. Erstaunlich heiter und spitzzüngig berichtet er von seinen aufwühlenden Erlebnissen. Von Eva-Maria Lill 

Deutsche Historie wimmelt von Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Die meisten bleiben stumm, verdrängt, verschollen. Amand Nowak hat in der eigenen Vergangenheit gegraben und solche Momente ans Licht geholt. In der Autobiografie „Mein Ende des Tausendjährigen Reiches“ teilt er das Kapitulationsjahr 1945 in vier Etappen – vom Leben in der Heimatstadt Troppau über den Reichsarbeitsdienst bis zu Kriegsgefangenschaft und Freiheit.

„Jedes dieser vier Leben hätte mein letztes sein können“, betont der 86-Jährige. Ob Glück, Zufall oder Schicksal ihn vor dem Tod bewahrt haben? Darauf weiß der gelernte Ingenieur keine Antwort. Vielleicht von allem ein bisschen. „Im Vergleich zu anderen erging es mir verhältnismäßig gut“, betont Nowak, der seit 1951 in Offenbach lebt. Ob seine freiwillige Meldung zum Volkssturm, die gescheiterte Heimkehr ins Sudetenland oder sein leichtsinniges Verhalten beim Luftangriff – stets findet das Glück einen Weg, ihn zu beschützen; ganz nach seinem Lebensmotto: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her...“

Taschenkalender als Grundlage

Grundlage für die literarische Reise in die Vergangenheit ist ein handgroßer Taschenkalender mit vergilbten Seiten, raschen Bleistiftstrichen, fragmentarischen Notizen. Ende 1944 gewinnt Nowak in der Winterhilfswerklotterie einen Bargeldbetrag von 500 Reichsmark. Da er erst 16 Jahre alt ist, überweist seine Mutter das Geld auf ein Konto der Sparkasse in Troppau. Als Dank bekommt er den Taschenkalender geschenkt, das Sparbuch wird der Mutter später gewaltsam bei ihrer Ausweisung aus der damaligen Tschechoslowakei entwendet.

Das kleine Büchlein ist ein stetiger Begleiter: Verborgen im Innenfutter des Militärmantels überlebt es auch die schwersten Strapazen. Ein Erinnerungsanker im Vergessen, gut lesbar sind die Aufzeichnungen schon lange nicht mehr. Dennoch beginnt Nowak vor etwa fünf Jahren die Suche nach der Wahrheit. Er nimmt sich den Kalender vor und rekonstruiert. Viele Erinnerungen fallen schwer, das Schreiben ist mühsame Aufarbeitung von Verdrängtem. Wie viel Fiktion sich unter Fakten mischt, möchte er nicht verraten.

„Mein Ende des Tausendjährigen Reiches“ ist vor allem eins – persönliche Erinnerung an ein schreckliches Kapitel der Geschichte. „Ich habe das Buch hauptsächlich für meinen Sohn geschrieben“, gibt er zu. „Ich hatte ihm zwar schon einiges erzählt, aber niemals alle Zusammenhänge hergestellt.“ Dafür greift Nowak zu Füller und Papier. Das Manuskript der 500 Seiten starken Autobiografie verfasst er per Hand, ein Bekannter tippt es später in den Computer. Bisher wird das Buch im Eigenverlag herausgebracht – eine Veröffentlichung ist geplant.

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„Mein Ende des Tausendjährigen Reiches“ ist oft lückenhaft. Der Leser glaubt dem Vergessen, hinterfragt bloß selten. Immer wieder ergänzt Nowak das Erzählte mit Lexikon-Artikeln, Zahlen und Daten. Es gelingt ihm, allgemeines Entsetzen in persönliche Bestürzung zu verwandeln. „Ich denke, dass meine Erinnerungen auch gerade für die jüngere Generation von Bedeutung sind. Die haben häufig gar keinen Zugang mehr zur Geschichte.“

Eindringlich sind seine Schilderungen aus der Kriegsgefangenschaft. Von Hunger und Entbehrung gezeichnet, nimmt die Aufzählung der täglichen Rationen den größten Raum ein. Mühsam zu lesen, aber Zeugnis der Zeit.

Bisweilen mischt sich gar ironische Distanz in seine Schilderung. Der Abstand von fast 70 Jahren erlaubt manch spitzzüngige Randbemerkung. Etwas schwierig: Der Autor verrät nicht, wie es ihm vor oder nach 1945 ergangen ist. Sein Sohn mag wissen, ob Nowak die Mutter wiedergefunden hat oder wie das Treffen mit dem Vater ablief – für den Leser bleiben diese Geschichten schmerzhaft unvollendet. Im Gespräch schweigt Nowak dazu: Vielleicht ist „Mein Ende des Tausendjährigen Reiches“ schon Offenbarung genug.

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