Die Ampel leuchtet weiter

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Als hätte nie etwas die Harmonie trüben können: Der hauptamtliche Offenbacher Magistrat präsentiert sich mit der künftigen Spitze der Stadtwerke Holding: (von rechts) Oberbürgermeister Horst Schneider, Dieter Lindauer, Peter Walther, Bürgermeisterin Birgit Simon, Stadtkämmerer Michael Beseler, Stadtrat Paul-Gerhard Weiß.

Offenbach ‐ Die Koalitionspartner tagen am Dienstagabend bis um 23 Uhr und verabschieden sich ohne Übereinkunft voneinander; gestern Morgen sitzen sie erneut zusammen, streiten und beraten. Von Thomas Kirstein

Ergebnis: Wenn auch die Harmonie empfindlich gestört ist, wirken Sozialdemokraten, Grüne und Freidemokraten auch weiterhin gemeinsam für Offenbach. Wegen des spektakulären Streits um die Nachfolge in der Geschäftsführung der Stadtwerke Holding (SOH) ist Offenbachs Ampel zwar zerkratzt, geht aber nicht aus.

Gestern Nachmittag tagt der Magistrat und trifft auch mit dem Segen der sich vorher strikt verweigernden SPD eine Entscheidung. Tags zuvor hat der örtliche SPD-Vorsitzende Stephan Wildhirt, der mit Unterstützung seiner Genossen auch gern SOH-Chef geworden wäre, durch seine Verzichtserklärung den Weg dazu geebnet. Alle Beteiligten loben gestern ausdrücklich diesen staatsmännischen Schritt.

Einvernehmlich, also mit den vier Stimmen der SPD und den jeweils zweien von Grünen, FDP und CDU, beschließt die Stadtregierung, was Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) am späteren Nachmittag verkündet: Nachfolger des am 16. Dezember in den Ruhestand wechselnden Joachim Böger wird dessen einstiger Ziehsohn Walther. Er bekommt einen Fünfjahresvertrag. Die in der ursprünglichen, auf Empfehlung einer Personalberatung beruhenden OB-Vorlage vorgesehene gleichberechtigte Doppelspitze aus ESO-Chef Peter Walther und dem SOH-Prokuristen Dieter Lindauer wird es nicht geben.

160 000 Euro im Jahr plus Dienstwagen

ANGEMERKT

von Thomas Kirstein 

Gegen die gestrige Personalentscheidung ist nichts einzuwenden. Sie greift auf bewährtes Personal mit Offenbach-Bindung zurück und ist die preisgünstigste. Die Diskussion über die Notwendigkeit eines teuren Zweitchefs darf man sich sparen, um sich auf die Sachfragen zum Stadtkonzern konzentrieren zu können. Das dürfte doch wohl ohne Gereiztheit möglich sein. Denn im Grunde genommen haben alle ihr Gesicht wahren können: weil sie letztlich Vernunft und Sinn fürs Ganze über Parteibefindlichkeit gesetzt haben. Das ist in Offenbach nicht selbstverständlich. Hervorzuheben ist die SPD, die schließlich die dicksten Kröten schlucken musste. Der Parteichef war als Geschäftsführer nicht durchzusetzen; dem Parteifreund Oberbürgermeister ist die Genossenmeinung recht egal; letztlich besteht das akzeptierte Kompromissangebot eher in kosmetischen Änderungen, die weder dem OB noch den Grünen große Überwindung gekostet haben müssen. Wer dann statt Konfrontation die Kooperation wählt, selbst wenn’s weh tut, der hat sich Lob verdient.

Zumindest nicht formell. Lindauer, der Favorit der Grünen, wird zwar nicht sein ganz ebenbürtiger Partner, erhält aber als einziger weiterer Chef im Konzern Einzelprokura für diesen und die gleichen Bezüge wie Walther. Das sind 160 000 Euro im Jahr plus Dienstwagen und Ruhestandsregelung.
Dass Lindauer im zweiten Glied bleiben muss, ist zweifellos ein Zugeständnis an die in dieser Frage mit ihrem OB Schneider überworfene SPD.
Im Rathaus werden den Journalisten gestern nur glückliche Gesichter präsentiert, dazu gibt es Lob zu hören. OB Schneider preist den neuen Spitzen-Stadtwerker als einen, dessen Kompetenz seit vielen Jahren anerkannt sei und der erfolgreich gearbeitet habe. Der 43-jährige Peter Walther ist seit 15 Jahren in den Diensten der Stadt.
Dieter Lindauer, ebenfalls 43 und seit Anfang 2007 im Stadtkonzern, wird vom Oberbürgermeister als der unter den anderen Chefs der SOH-Tochterfirmen „nach einer Statusaufwertung herausragende Geschäftsführer der Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft“ vorgestellt.
Lindauer bleibt der kaufmännische Leiter der SOH, darf künftig aber alleine zeichnen. Die FDP nennt ihn den „Chef-Projekt-Entwickler“ der Stadt. Lindauer betreut unter anderem Hafen, Wohngebiet An den Eichen und Stadionneubau.

„Sehr freudige Entscheidung“

Der designierte Geschäftsführer Walther dankt für eine „sehr freudige Entscheidung“, die das Vertrauen in ihn und sein Team beweise. Gemeinsam werde man weiter an den Projekten arbeiten, die wichtig für die Stadt seien. Lindauer erkennt einen „guten Tag in der politischen Dimension und für die SOH“.

Die grüne Bürgermeisterin Birgit Simon spricht vom großen Konsens, der ein bewährtes Team in die Geschäftsführung gebracht habe. Stadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP) freut sich, dass es durch den letztlich doch reibungslosen Übergang Ruhe und Sicherheit in der SOH gibt. Stadtkämmerer Michael Beseler (SPD) weist darauf hin, wie sich durch neue Geschäftsfelder der Charakter der Stadtwerke in den vergangenen zwei Jahren geändert hat.

Hintergrund

Die STADTWERKE OFFENBACH HOLDING (SOH) ist seit 2000 der Konzern, der alle Betriebe der Stadt Offenbach unter einem Dach vereint. Aufgaben der SOH sind Kontrolle und Koordination der Tochter- und Enkelfirmen. Dazu gehören unter anderen (in Klammern die Geschäftsführer): der Stadtdienstleister ESO (Peter Walther), die Wohnungsbaugesellschaft GBO (Winfried Männche), die Offenbacher Verkehrsbetriebe (Volker Lampmann), die Erschließungsfirma EEG (Reinhard Hantl), die Hafen-GmbH Mainviertel, das Gebäudemanagement GBM. An der EVO ist die SOH mit 48,7% beteiligt.

Die deswegen notwendigen Konsequenzen sollen die Verantwortlichen in Konzern und Kommunalpolitik die nächsten Monate beschäftigen. Darauf hat sich die Koalition ebenfalls geeinigt. Es geht darum, welche neue Struktur die SOH bekommt. Das hätte, wie von Beteiligten eingestanden wird, eigentlich vor der Personalsuche beantwortet werden müssen. Es soll nun laut SPD-Fraktionschef Stephan Färber eine „ergebnisoffene Diskussion über die Ausrichtung der SOH“ geben. Der FDP stimmt er darin zu, dass Stadtparlament und Magistrat den Stadtkonzern künftig enger führen sollten. Die SOH, so formuliert es der liberale Fraktionschef Oliver Stirböck, sei eben nicht irgendein privates Unternehmen, sondern ein Dienstleister im Auftrag der Stadt.
Beraten wird auch noch, ob nicht doch noch der Posten eines zweiten Geschäftsführers europaweit ausgeschrieben werden sollte.

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