„Hallo, hier bin ich wieder“

Ein selbstbewusstes Offenbach in Aufbruchstimmung

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Der Neue: Felix Schwenke erstmals mit Amtskette.

Offenbach - Das war mehr als ein Amts- und Generationswechsel an der Rathausspitze; mehr als eine Stadtverordnetenversammlung sowieso. Bei der Verabschiedung von Horst Schneider und der Inthronisation seines Nachfolgers Felix Schwenke zeigte Offenbach, was es kann. Von Matthias Dahmer 

Vor rund 400 Gästen vollzog sich in der Alten Schlosserei der Amtswechsel. Nach einem zähen Beginn entfaltete die Sondersitzung des Stadtparlaments mit Emotionen gespickten Unterhaltungswert.

Das Signal an die Region: Die Zeiten des Schmuddelkinds sind vorbei. Dabei beginnt es zäh. Das Einchecken zum Abend des Machtwechsels gestaltet sich etwas umständlich, vor der Tür zur Alten Schlosserei bildet sich eine Schlange. „Eigentlich kennt doch hier jeder jeden“, kommt freundliche Kritik aus der Reihe der Wartenden. Aber Ordnung muss sein. Darauf achten Parlamentschef Stephan Färber und seine gute Fee Waltraud Schäfer, die zur Freude vieler wieder an Bord ist im begleitenden Polit-Betrieb der Stadt. Exakt 398 Stühle sind gestellt, mehr hätte die Feuerwehr nicht erlaubt, sagt Gastgeber Färber, der später souverän durchs rund dreistündige Programm führen wird.

Dessen Ablauf ist zumindest auf dem Papier streng durchgetaktet. Wohl in Stein gemeißelt ist, dass bei solchen Anlässen die Ansprachen dominieren. Immerhin: Den Gästen wird die ganze Bandbreite dessen präsentiert, was Redezeiten zwischen 10 und 30 Minuten so hergeben. So hören sie einen zu langen, mit viel Kritik am Land gespickten Fachvortrag von Schneiders Duz-Freund und einstigem Frankfurter Stadtplaner Professor Martin Wentz ebenso, wie eine beinahe schon launig-private Plauderei des Amtskollegen Peter Feldmann. Oder eine sachliche Betrachtung der Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid und den am Ende mit einem eindringlichen Appell garnierten Beitrag von Tarek Al-Wazir, der sich in seiner Diktion zunehmend zum hessischen Obama entwickelt.

„Die Liebe meines Lebens“: Horst Schneider mit Gattin Konstanze und Enkelin.

Chaotisch, deshalb aber auch erfrischend, kommt der Überraschungsgast daher: Johnny Klinke, Chef des Frankfurter Varietétheaters „Tigerpalast“, verwechselt in seinem Rückblick auf die Zeit mit Horst Schneider Offenbach mit Frankfurt-Höchst, setzt den scheidenden Verwaltungschef im Rückblick schon mal auf einen Roller statt aufs Fahrrad. Horst Schneider nimmt den Fauxpas später geschickt auf, fordert als Wiedergutmachung einen Auftritt von Klinkes Varieté-Künstlern beim nächsten Lichterfest. Überhaupt: Das Verhältnis zum großen Nachbarn ist mehrfach Thema. Fast mantramäßig wird Normalität beschworen. Zu Sticheleien taugt das, was Feldmann „Folklore“ nennt, aber allemal noch.

Sein Versprechen, „kurz und knackig“ Dankeschön zu sagen, kann Noch-Amtsinhaber Horst Schneider nicht halten. Und nie dürfte es ihm mehr nachgesehen worden sein als an diesem Abend. Elegant gewandet wie meistens und die Amtskette tragend, findet er passende Worte für jeden seiner Laudatoren, erreicht die Choreografie ihren Höhepunkt, als er von der Bühne schreitet – zur „Liebe meines Lebens“. Im Blitzlichtgewitter nehmen Horst und Konstanze (im schlichten Schwarzen und mit silberfarbenen Pumps) den langen Applaus des Publikums entgegen, das sich dafür von den Stühlen erhebt.

Amtswechsel in Offenbach: Felix Schwenke neuer Chef

Es ist 19.30 Uhr als Schneider „mit Freude“ wie er sagt, seine Amtskette zunächst zurückgibt und dann das Zeichen der Macht samt Ernennungsurkunde seinem Nachfolger reicht. Der künftig laut Urkunde nach Besoldungsgruppe B 8 entlohnte Schwenke, kann mit einer Rede punkten, die seinen Kampf für Offenbach in den Mittelpunkt stellt. Dabei verkneift er sich einen kleinen Seitenhieb auf die Koalition nicht, die ihn 2016 als Kämmerer abberufen hatte: „Hallo, hier bin ich wieder.“

Bestens gelaunt: Ex-OB Gerhard Grandke (links) und SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel.

Einen schönen Abschluss findet der offizielle Teil mit der Übergabe von Geschenken an die beiden Protagonisten des Abends: Für Horst Schneider wird sein rotes Dienst-Faltrad auf die Bühne gerollt. Weil ihm sein baugleiches privates Velo geklaut worden war, solle der Amts-Drahtesel nun sein Eigen sein, sagt Stephan Färber. Für den bekennenden Gelato-Liebhaber Schwenke gibt es eine Eismaschine; zunächst aber nur als Bildchen auf einem Gutschein, schließlich wiegt das Gerät im Original 14 Kilo. „Es steht bei mir im Büro abholbereit“, so Färber.

Die Schlangen am rustikalen Buffet sind im Anschluss mindestens so lang wie bei der Gratulationscour für Schneider und Schwenke. Bei Winzerfleisch vom Rind, Metzger-Bratwurst, Kartoffelstampf und Pasta mit 7-Kräuter-Pesto, zu denen wahlweise weißer Burgunder oder Glaabsbräu vom Fass gereicht werden, wird an den aufgestellten Stehtischen angeregt geplaudert. Das leichte Grummeln aus dem Rathaus, weil nicht alle, die wollten, auch Dabeisein konnten, scheint vergessen und es ist so etwas wie ein Konsens auszumachen: „Eine würdige Veranstaltung.“

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