„Leichte Sprache“ könnte Abhilfe schaffen

Wie das Amtsdeutsch Hartz IV-Empfänger verwirrt

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Das Gebäude der Mainarbeit in der Berliner Straße. Die Kommunikation zwischen Jobcenter und Erwerbslosen scheitert immer öfter am zentralen Punkt: der Sprache.

Offenbach - Für Langzeitarbeitslose ist in Offenbach die städtische Hartz-IV-GmbH Mainarbeit zuständig. Das Verhältnis zwischen Behörde und Antragsteller ist nicht immer frei von Komplikationen. Ein Grund dafür: Viele Kunden verstehen die Sprache der Mainarbeit nicht. Von Maximilian Rösgen

„Dies weiterhin mit der Belehrung, dass Sie im Falle einer Nichtwahrnehmung des Einladungstermins ausschließlich unter Hereingabe einer Wegeunfähigkeitsbescheinigung Ihres behandelnden Arztes entschuldigt sind.“ Ein komplizierter Satz. Man ahnt: Den hat jemand aus der öffentlichen Verwaltung formuliert. Umständliche Wörter, viele Substantivierungen. Dass sich Antragsteller und Behördenmitarbeiter nicht richtig verstehen, ist an sich kein Offenbacher Phänomen. Doch bei der Mainarbeit haben die Kommunikationsprobleme unter anderem dazu geführt zu haben, dass es seit 2008 einen Ombudsmann gibt. Einen neutralen Schlichter, der zwischen der Mainarbeit und dem Kunden vermitteln soll. Aktuell übernimmt diese Aufgabe der 80-jährige Wolfgang Christian.

Der ehemalige Studienrat hilft bei allen Fragen rund um Hartz IV – besonders beim Kapieren der behördlichen Schreiben. Mehr als 200 Personen kamen im vergangenen Jahr zu ihm in die Sprechstunde. Oft geht es dabei um die Kommunikation. „Die Bescheide der Mainarbeit setzen sich aus Textbausteinen zusammen, die für erfahrene Juristen vermutlich zu verstehen sind, selbst behördenerfahrene Leser aber haben es oft schwer“, schreibt Christian in seiner jährlichen Beratungsbilanz. Erwerbslose, die weder das eine noch das andere seien, verstünden daher kaum einen Satz. „Mich erstaunt, wie wenig das zur Kenntnis genommen beziehungsweise verändert wird“, schreibt der Ombudsmann. Dabei gibt es eine spezielle Sprache, die Verständnisprobleme reduzieren kann: Mit kurzen Sätzen, weniger Substantiven, so wenig Passiv wie möglich und nur einer Aussage pro Satz punktet das Konzept „Leichte Sprache“. Bundesweit trifft es bereits auf hörende Ohren. So stellt der Deutschlandfunk freitags Nachrichten in „Leichter Sprache“ ins Internet.

Laut Mainarbeit-Chef Matthias Schulze-Böing bemüht sich das Jobcenter bereits, seine Bescheide so einfach wie möglich zu halten. Doch aufgrund der rechtlichen Vorgaben sei das Formulieren in einfacher Sprache „eine Herausforderung“. So müsse bei jeder Maßnahme ein Paragraph genannt werden, der diese begründe. Das Umgangsdeutsch genüge daher den gesetzlich Anforderungen der Eindeutigkeit nicht, glaubt der Geschäftsführer. „Wir haben sogar eine Bescheiderklärstelle, wo sich unsere Kunden die Bescheide nochmal ausführlich erklären lassen können. Wir sind als Behörde sowieso dazu verpflichtet, jedem Antragsteller auf Wunsch seinen Bescheid in einer ihm verständlichen Sprache zu erklären“, so Schulze-Böing. Konkrete Pläne für Bescheide in „Leichter Sprache“ gebe es derzeit aber nicht.

Der Vorsitzende des Offenbacher Behindertenbeirats, Rainer Marx, bedauert das. Ihn freut allerdings, dass es ab Juni 2017 für Mitarbeiter der Stadt eine Schulung mit dem Thema „Leichte Sprache im Fokus“ geben soll. „Nach dieser Schulung dürfte dann in der Stadt Offenbach mit etlichen Formularen in ,Leichter Sprache’ zu rechnen sein“, schätzt Marx.

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Matthias Schulze-Böing sieht hingegen keinen besonderen Handlungsbedarf: „Wir sind bereits dabei, die Sprache zu vereinfachen. Doch es gibt Grenzen der Freiheit. Unsere Sprache muss zu jeder Zeit den Anforderung einer rechtlich korrekten Sprache entsprechen.“ Wolfgang Christian möchte die Sache pragmatisch angehen: „Die Mainarbeit braucht einfach mehr Mitarbeiter. Und dann vielleicht eine Sozialabteilung, die sich persönlich um Hilfesuchende kümmert.“ Christians Bild einer idealen Mainarbeit ist eines, in der er als Ombudsmann überflüssig wäre.

Bei den Kommunikationsproblemen, die Wolfgang Christian selbst mit der Mainarbeit hat, hilft allerdings keine „Leichte Sprache“: Das Jobcenter habe ihn gebeten, nicht mehr anzurufen und die Bediensteten bei ihrer Arbeit zu stören, sagt der 80-Jährige. Deswegen laufe der Austausch inzwischen schriftlich ab. „Ich habe mittlerweile nur noch Kontakt zu einer Führungsperson bei der Mainarbeit“, so Christian, „dem schreibe ich eine Anfrage und innerhalb einer Woche bekomme ich eine Rückmeldung.“ 90 Prozent der Antworten stellen ihn zufrieden. Was Christian als Umständlichkeit empfindet, sieht Matthias Schulze-Böing anders: „Natürlich kann der Ombudsmann jederzeit mich oder auch andere Führungskräfte anrufen. Da gibt es keine Tabus. Wir möchten nur nicht, dass er einzelne Sachbearbeiter anruft. Es geht auch darum, unsere Mitarbeiter zu schützen.“

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