Trauen sich mehr als früher

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Selbstbewusst, weiblich, zielstrebig – Offenbachs Amtsleiterinnen haben keine Angst vor großen Aufgaben.

Offenbach - Heike Hollerbach musste sich Respekt erarbeiten. „Am Anfang war ich das Mädchen, wurde belächelt“, erinnert sich die dienstälteste Offenbacher Amtsleiterin. Seit 1972 arbeitet sie für die Stadt, Stationen waren unter anderem Tiefbau- und Straßenverkehrsamt. Von Veronika Schade

„Als Frau kam ich mir da schon allein vor. “ In Gummistiefeln stand sie mit Männern auf der Baustelle, bewies, dass sie ihre Arbeit ernst nimmt und gute Leistung bringt. Sich durchzusetzen war nicht immer einfach: „Frauen werden schnell in Schubladen gesteckt.“ 1990 übernahm die heutige Leiterin des Umweltamts ihre erste Amtsleitung. 1992 gab es vier Amtsleiterinnen, 2004 hatten sechs Frauen die Leitungsposition. Heute sind elf von 33 mit Frauen besetzt – ein Drittel. „Zufrieden sind wir damit noch nicht“, sagt Martina Jöst, Interne Frauenbeauftragte der Stadt.

Noch immer schrecke der „Mythos der Allzeit-Verfügbarkeit“, den viele mit einer Führungsrolle verbinden. „Beruf ist für Frauen nicht das alleinige Lebensziel, sie haben andere Werte, die sie erstreben“, weiß Jöst. Deswegen spiele die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine große Rolle, bevor Frauen sich in eine solch verantwortungsvolle Position begäben. Jöst: „Wir haben das Glück, im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Frauenförderung ist da, anders als in der freien Wirtschaft, ein Muss.“ Alle zwei Jahre wird ein neuer Gleichstellungsplan erarbeitet. „Wir erstellen derzeit einen Leitfaden für die Teilbarkeit von Leitungsstellen“, berichtet Jöst. Wobei es durchaus Vorbehalte gebe – auch bei den weiblichen Führungskräften selbst.

Männer sollen sich mehr Auszeiten für die Familie nehmen

Für das Teilzeitmodell entschieden hat sich Sylvia Beiser, Leiterin der Stadtbibliothek. Sie hat eine Dreiviertelstelle – 30 statt 39 Stunden – und kann sich so um ihren dreijährigen Sohn kümmern. Gabriele Botte leitet seit 1992 die Volkshochschule, ist dienstälteste Vhs-Chefin in Hessen. „Als ich anfing, gab es in 32 Volkshochschulen zwei Leiterinnen, heute werden mehr als die Hälfte von Frauen geleitet“, weiß sie. Die Mutter zweier erwachsener Kinder ist im Beruf nie kürzer getreten, betont aber: „Das hat funktioniert, weil mein Mann mitgezogen hat. Auch er kümmerte sich um die Kinder.“ Sie plädiert, es müsse selbstverständlicher werden, dass Männer Auszeiten für die Familie nähmen. Erst dann würden Frauen im Beruf wegen einer möglichen Familiengründung auf weniger Vorbehalte treffen.

„Um an eine exponierte Stelle zu kommen, müssen Frauen immer noch ein Stück besser qualifiziert sein“, beobachtet Botte, die zwei Studien absolviert und in Wirtschaftspädagogik promoviert hat. Sie findet, dass Frauen reflektierter und weniger rücksichtslos handeln als Männer, sensibler sind für kommunikative und soziale Prozesse. „Aber wir sind nicht bessere Menschen“, stellt sie klar. Entscheidend sind Kompetenz und Qualifikation. Das unterstreicht Hollerbach, die sich immer weitergebildet hat: „Neue Blickwinkel sind wichtig. Frauen trauen sich heute zum Glück mehr zu als früher.“ Sie freut sich, es im Umweltamt mit vielen Frauen zu tun zu haben. „Sie sind bereiter zur Selbstkritik und teamorientierter“, ist ihre Erfahrung. Gerade bei größeren Projekten sei es wichtig, gleichberechtigt zusammenzuarbeiten. Mit ihrer damaligen Stellvertreterin Martina Fuchs, die heute das Bürgerbüro leitet, war Hollerbach maßgeblich an dessen Entwicklung beteiligt.

Männliche Kommunikationsstrukturen lernen

Für Fuchs, seit 1985 bei der Stadt, waren die ersten Jahre prägend: „Ich war für die Kontrolle von Gefahrguttransportern zuständig. Da war ich oft die einzige Frau, das Ordnungs- und Polizeirecht war sehr männerdominiert.“ Sie lernte, sich zu behaupten. „Wäre ich immer nur nett und charmant gewesen, wäre ich nicht weit gekommen“, ist sie sicher. Cornelia Jockisch, Diplom-Ingenieurin und Leiterin des Vermessungsamts, erinnert sich an ihre Studienzeit, wo Frauen deutlich in der Unterzahl waren. „Im Beruf musste ich die männlichen Kommunikationsstrukturen erst lernen.“ Bald habe sie es verstanden, sich zu behaupten, wurde selbstbewusster: „Da musste ich einiges von den Männern übernehmen.“ In ihrem Amt sei das Geschlechterverhältnis recht ausgewogen. Mit Blick auf die Stadt und die freie Wirtschaft aber sagt sie: „Es ist viel zu tun.“

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