Theorie über Ortssymbol

Amulett aus Bieber kein Menschlein?

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Museumsleiter wagt eine neue Deutung des einzigartigen Objekts aus der Bronzezeit. Als Schmuckstück am Hals von SPD-Politikerin Andrea Nahles fand es den Weg in die überregionale Presse. Vor der Bieberer Filiale der Sparkasse Offenbach dient seit 1988 eine im Vergleich zum Original riesige Nachbildung des Stadtteilsymbols als Blickfang. 

Offenbach - Der Chef selbst führt zur Geisterstunde. Dr. Jürgen Eichenauer bittet für die am Samstag, 25. April, in Frankfurt und Offenbach stattfindende „Nacht der Museen“ in sein Haus der Stadtgeschichte. Von Thomas Kirstein 

Ab 24 Uhr nimmt er an der Herrnstraße seine Gäste weit zurück in die Offenbacher Vergangenheit.

Vielleicht wird der seit 2003 amtierende Museumsleiter bei dieser Gelegenheit auch über seine Theorie sprechen, die geeignet ist, das historische Verständnis nicht nur im Stadtteil Bieber zu erschüttern: Eichenauer stellt in Frage, dass es sich beim berühmten Bieberer Amulett tatsächlich um eine stilisierte Menschenfigur handelt.

Das nur 4,5 Zentimeter hohe Amulett wurde in der Urnenfelderzeit (1200 bis 750 vor Christus) aus rundem Bronzedraht gebogen, die seitlichen Teile des Rings sind flach gehämmert. „Ohne viel Fantasie und Deutung erkennt man eine stilisierte Menschengestalt mit großem Kopf, angewinkelten Armen und kurzen Beinen“, schrieb Rektor und Heimatforscher Karl Keller über das 1979 gefundene, inzwischen als Ortssymbol und auch Schmuckstück äußerst populär gewordene Objekt. Jürgen Eichenauer wagt nach einer neuerlichen Beschäftigung mit dem Fund eine Interpretation, die dem „antropomorphen“ Ansatz entgegen steht.

Die Kelten dieser Zeit, sagt er, hätten gar keine Gottheiten in Menschenform gekannt: „Das kam erst mit den Römern in unsere Gegend, die Ur-Bieberer waren noch nicht soweit.“

Spekulation über keltische Symbole

Seine Deutung: Das Amulett dürfte eher eine im keltischen Raum bekannte Kombination aus Sonnenrad und Darstellung der Windrichtungen sein, ein kultisches Symbol für die Verbindung von Jenseits (Sonne) und Diesseits (das prähistorische, nichtchristliche Kreuz). Beim Bieberer Fundstück, spekuliert Eichenauer, könnte eine keltische Radnadel, in der das Kreuz im Kreis sitzt, zerlegt worden sein.

Der Bieberer Heimatforscher Manfred Kurt hat das unversehrte und offensichtlich nicht zum Leichenbrand gehörende Amulett beim Ausgraben eines Steinkistengrabs in den Bieberer Struthäckern entdeckt: „Ich hab’ erst gedacht, es wär’ eine Bierdosenlasche“, gesteht er heute. Mit einer Umdeutung mag er sich nicht recht anfreunden. „Ein bisschen esoterisch“ findet er die Theorie des geschätzten Museumsleiters. Aus der späten Bronzezeit seien flache Bleche bekannt, die zweifelsfrei die menschliche Gestalt nachbilden sollen: „Das Bieberer Amulett ist der gelungene künstlerische Versuch, die flachen Darstellungen plastischer umzusetzen. Ein genialer Moment!“

Außergewöhnliches Identifikationsobjekt

Auch für das spätere Bieber. Kein anderer Stadtteil hat ein solches Identifikationsobjekt, das ungebrochen die Fantasie anregt. Manfred Kurt besitzt eine reichhaltige Sammlung von Nachformungen und Verwendungen: Fastnachtsorden, Brillenetuis, gebackene Brezeln. Der Bieberer Juwelier Russig bietet eine ganze Schmuckkollektion – Anstecker, Manschettenknöpfe, Anhänger...

Dieses Angebot verhalf dem Bieberer Amulett dann vor einigen Jahren auch zu bundesweiter Beachtung: Auf diversen Pressefotos ist es am Hals der damaligen SPD-Generalsekretärin und heutigen Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles zu identifizieren. Warum es diese schmückte, ist kein Rätsel: Nahles’ Gatte und Kindsvater, der Kunsthistoriker Dr. Marcus Frings, war bis zu seiner unsanften Kündigung 2012 Kurator im Offenbacher Stadtmuseum und damit dem Original-Amulett sehr nah.

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