Funktionale Analphabeten: Mit Kreuzen unterschreiben

+

Offenbach - Rosi Vogel bricht sich ziemlich häufig die Hand. Diesen Eindruck dürfte jedenfalls gewonnen haben, wer öfters von ihr etwas schriftlich haben wollte. „Man drückt sich davor, schreiben oder lesen zu müssen, deshalb erfindet man Ausreden“, erklärt sie. Von Benedikt Müller

Menschen wie Rosi Vogel leiden unter funktionalem Analphabetismus. „Ein Text ist für mich erst einmal eine total schwarze Fläche“, erzählt sie. Funktionale Analphabeten haben solche Probleme mit dem Lesen und Schreiben, dass sie die gesellschaftlichen Mindestanforderungen beim Lesen und Schreiben nicht erfüllen. Sie können nicht, was als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Einige kennen die Buchstaben, lesen aber nur sehr schlecht. Andere haben große Probleme, das gesprochene Wort richtig aufzuschreiben.

„Viele glauben, dass es sowas in Deutschland gar nicht gebe, wir hätten doch die Schulpflicht“, berichtet Peter Hubertus. Der Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung hielt zum Thema einen Fachvortrag in der Volkshochschule (Vhs).

Im Herkunftsland keine Chance, Lesen und Schreiben zu lernen

Die gut 50 Teilnehmer erfahren, was eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vor einem Jahr herausgefunden hat: In Deutschland leben über sieben Millionen funktionale Analphabeten.

Die Gründe dafür seien individuell verschieden. Entscheidend sei, dass Eltern die Bildung ihres Kindes fördern, Lesen und Schreiben als etwas Attraktives darstellen. „Doch auch die Schule schafft es noch nicht gut genug, individuelle Förderung zu geben“, kritisiert Hubertus.

Gut 40 Prozent der funktionalen Analphabeten haben laut Studie ihre Schulzeit aber gar nicht in Deutschland verbracht. „Diese Menschen hatten im Herkunftsland keine Chance, Lesen und Schreiben zu lernen“, erläutert Hubertus. Noch heute gebe es Frauen, die ihre Heiratsurkunde mit drei Kreuzen unterschreiben.

Da in Offenbach relativ viele sogenannte Bildungsausländer leben, dürfte der Anteil funktionaler Analphabeten hier höher sein, als in der Studie für ganz Deutschland angenommen. „Offenbach muss sich wegen seiner Strukturdaten dem Problem stellen“, resümiert Dr. Ute Schaich von der Vhs.

Geschämt, nicht richtig lesen und schreiben zu können

Die Einrichtung bietet seit Anfang der 90er-Jahre regelmäßig Lese- und Schreibkurse für Erwachsene an. Das Lehrmaterial bringen die Teilnehmer oft selbst mit: beispielsweise Bestellformulare, an denen sie im Alltag scheitern. „Wir wollen unser Angebot ausweiten und ausdifferenzieren“, berichtet Schaich. „Doch viele schämen sich und nehmen keine Hilfe in Anspruch.“ Laut der Studie nimmt nur weniger als ein Prozent der funktionalen Analphabeten in Deutschland zurzeit an einem Lese- oder Schreibkurs teil.

„Mir ist es sehr schwer gefallen, mich für den Kurs zu entscheiden“, erinnert sich Rosi Vogel. Inzwischen traue sie sich, Texte laut vorzulesen. Das wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. „Ich habe durch den Kurs viel mehr Selbstbewusstsein gewonnen.“

Auch für Tim-Thilo Fellmer war ein Vhs-Kurs der Durchbruch in seinem Leben. Der heutige Kinderbuchautor hatte in der Schule noch nicht den Zugang zu Buchstaben gefunden, wie er berichtet. „Meine Lehrer waren mit der damals neuen Diagnose Legasthenie total überfordert.“

Mehr Lese- und Schreibkurse für Erwachsene

Als junger Erwachsener habe er sich geschämt, nicht richtig lesen und schreiben zu können. Zu Fachärzten sei er nicht gegangen aus Angst, Formulare ausfüllen zu müssen. Einladungen zu Spieleabenden habe er oft abgelehnt. „Lieber verdirbt man es sich mit Bekannten, als zuzugeben, dass man nicht richtig lesen und schreiben kann“, so Fellmer.

Peter Hubertus bezeichnet funktionalen Analphabetismus als den Kollateralschaden der Wissensgesellschaft. „Die Schrift durchdringt mehr und mehr Lebensbereiche.“ In der Arbeitswelt seien funktionale Analphabeten früher noch in Nischen untergekommen. „Das ist heute fast nicht mehr möglich“, berichtet Hubertus.

Er fordert, dass mehr Lese- und Schreibkurse für Erwachsene angeboten werden sollten. „Die Volkshochschulen müssen auch in Stadtteilzentren gehen“, so Hubertus. Vor allem aber müsse das Vorurteil abgebaut werden, funktionale Analphabeten seien allesamt dumm. „Wir können ganz viel, aber immer mit extremem Mehraufwand“, sagt Fellmer.

Der heutige Verleger ist der lebende Beweis, dass funktionale Analphabeten sich nicht abschreiben sollten: „Die Bücherwelt war auf einmal so faszinierend, dass ich selbst schreiben wollte.“ Sein Erstlingswerk erscheint gerade in dritter Auflage.

Kommentare