Verkehrsclub ACE analysiert Fußgängerüberwege

Zebrastreifen nicht ohne Risiko

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Heinz Rachor und Herwig Guschlbaur warfen ein scharfes Auge auf diesen Zebrastreifen in Neu-Isenburg.

Offenbach - „Zebrastreifen, Zebrastreifen, mancher wird dich nie begreifen“, singt Rolf Zuckowski in seinem gleichnamigen Lied. So oder ähnlich werden Fachleute des Auto Club Europa (ACE) gedacht haben. Von Ronny Paul

Vor dem Hintergrund alarmierender Statistiken bei Unfällen an Fußgängerüberwegen, starteten sie im Mai eine bundesweite Studie zum Verhalten der Verkehrsteilnehmer und der Qualität der Überwege. Gestern waren vier Wegpunkte im Kreis Offenbach dran. Das Ergebnis war gut bis mangelhaft. 85 Prozent der notierten Fahrradfahrer, die an diesem Mittwoch Nachmittag den Zebrastreifen an der Geleitstraße 18, direkt vor der Erich-Kästner-Schule in Offenbach überqueren, verhalten sich nicht regelkonform. Grund: Laut Straßenverkehrsordnung muss ein Fahrradfahrer, wenn er den Zebrastreifen benutzt, von seinem Zweirad absteigen. Warum dies 85 Prozent in der Zeit von 15 bis 16 Uhr nicht gemacht haben, versucht Uwe Völker, Regionalbeauftragter des ACE Hessen, zum einen damit zu erklären, dass die Markierung auf der Straße (siehe Bild) kaum zu erkennen ist. Zum anderen sei der Wechsel aus der Fußgängerzone in den Straßenraum für die Passanten nicht klar ersichtlich.

„Vor einer Schule einen Zebrastreifen nicht ausreichend kenntlich zu machen, ist schon ein starkes Stück und schlichtweg verantwortungslos“, empört sich Völker und fügt an, dass die Stadt Offenbach an dieser Stelle dringenden Nachholbedarf habe. Doch auch Autofahrer übersehen oft, wenn sie sich einem Überweg nähern. So berichtet ACE-Regionalvorstand Günter Knoll von einer Situation am Lutherplatz in Langen nur wenige Stunden zuvor, wo eine ältere Dame mit ihrem Rollator vorschriftsmäßig am Überweg den Verkehr inspizierte, stehen blieb und prompt von einer vorbeifahrenden Polizeistreife ignoriert wurde. „Selbst unsere Ordnungshüter übersehen einfache Regeln des Straßenverkehrs“, kritisiert Knoll.

Oder frei nach Zuckowski: „Zebrastreifen, Zebrastreifen, alle, die dich nicht begreifen, (...) die tun mir leid.“ Angesichts dieser für Kinder gedachten Textzeilen lässt sich erahnen, dass das simple Prinzip der mit Streifen bewehrten Straßenüberquerung vielleicht doch so seine Tücken mit sich bringt. Schaut man auf die nackten Zahlen, ergibt sich sogar ein erschreckendes Bild: Von etwa 28 000 Fußgängerunfällen mit Verletzten innerhalb geschlossener Ortschaften im Jahr 2010 ereignete sich jeder fünfte an Fußgängerüberwegen. Demnach werden in Deutschland täglich 14 Menschen an Zebrastreifen von Kraftfahrzeugen oder Fahrrädern verletzt. Im Jahr 2012 stieg die Quote nochmals um fast fünf Prozent an. Anlass genug für den Verkehrsclub ACE, - wie schon bei Aktionen zuvor - Ursachenforschung zu betreiben.

Die deutschlandweite Präventionskampagne unter dem Motto „Halten. Sehen. Sichergehen.“ läuft bereits seit Mai. Noch bis Ende August wird der ACE in insgesamt 220 deutschen Landkreisen die Situation an Zebrastreifen unter die Lupe nehmen. In Langen, Neu-Isenburg, Dietzenbach und Offenbach stellten sich gestern die überwiegend ehrenamtlichen ACE-Helfer mit einer Check-Liste bewaffnet an heikle Verkehrspunkte. Dabei geht es zum einen um Ursachenforschung und zum anderen um eine Sensibilisierung aller Verkehrsteilnehmer inklusive der Kommunen. „Wir wollen durch unsere Kampagne helfen, Unfälle an Zebrastreifen künftig zu verhüten und sehen hier einen dringenden Handlungsbedarf“, erläutert Knoll. „Viele Verkehrsteilnehmer ahnen zwar, dass Sorglosigkeit und Fahrlässigkeit am Zebrastreifen Schlimmes anrichten können, doch ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, häufig ebenso unterentwickelt, wie die Umsetzung eigenen Wissens“, mahnt er. Dabei sollte allein das Bußgeld in Höhe von 80 Euro inklusive vier Zähler auf dem Flensburger Punktekonto Anlass zu erhöhter Vorsicht geben.

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Zahlen muss ein Kraft- oder Zweiradfahrer, wenn er einem Fußgänger das Überqueren der Fahrbahn verwehrt, sich nicht mit mäßiger Geschwindigkeit dem Überweg nähert oder gar einen Überholvorgang startet. Hier sind die bisherigen Durchschnittswerte für Hessen recht alarmierend. 30 Prozent der motorisierten Verkehrsteilnehmer und sogar über 70 Prozent der Radfahrer halten nicht vorschriftsmäßig an, wenn ein Fußgänger die Seite wechseln möchte. Allerdings fallen die Wegpunkte in Langen und Neu-Isenburg positiv aus dem Rahmen. In beiden Städten scheinen die Auto- (30%) und Radfahrer (55%) sowie die Fußgänger (19%) aufmerksamer und disziplinierter zu sein. Mancher scheint doch begriffen zu haben.

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