„BürgerGas“ nicht für jeden

Offenbach ‐ Matthias Kurth, der Dreieicher an der Spitze der Bundesnetzagentur, empfahl erst neulich den Verbrauchern, sie sollten Strom- und Gas-Anbieter so häufig wie möglich wechseln, um so Einfluss auf die Preisgestaltung zu nehmen. Von Thomas Kirstein

Wenn sich die Anbieter allerdings zunehmend ein Beispiel an ihren Kollegen der Gelnhäuser „BürgerGas“ nehmen, wird dieses „Hoppen“ ein schwieriges Unterfangen. Der in Freigericht ansässige Versorger gönnt sich nämlich den Luxus, seine Kunden ganz genau auszusuchen.

Nachdem sich der Offenbacher Walter M. im Internet preisgünstigere Alternativen zu seinem langjährigen Versorger hatte ausrechnen lassen, wollte er sich von „BürgerGas“ beliefern lassen. Beim Strom klappt das Anfang Oktober. Mit Gas wollen ihn die Freigerichter aber nicht beliefern: „Wir bedauern, den Antrag auf Belieferung mit Gas ablehnen zu müssen. Wir haben leider mehrfach schlechte Erfahrungen gemacht mit bestimmten Kundengruppen und haben dort statistisch erhöhte Zahlungsausfälle.“

M. will es nicht glauben. Seine Bonität ist über jeden Zweifel erhaben. Dass der 47-Jährige seit 30 Jahren als Bankangestellter tätig ist und bei der Helaba sein Geld verdient, sollte auch keine Zweifel an seiner Verlässlichkeit erlauben. Er mutmaßt deshalb Diskriminierung aufgrund der Postleitzahl. Die Rosenhöhe, wo er wohnt, hat 63069 - wie das oft noch als Brennpunkt geltende Lauterborngebiet.

Doch das ist offenbar auch nicht der Fall. Dr. Tillmann Haar, Geschäftsführer von „BürgerGas“, versichert im Gespräch mit unserer Zeitung, es kämen grundsätzlich keine Ablehnungen aufgrund des Wohnorts vor. Sehr wohl jedoch aufgrund anderer Kriterien: Bei Zweifeln an der Zahlungsmoral komme kein Vertrag zustande, „BürgerGas“ gebe es nicht für Leute, die häufig wechselten, und nicht für „Schnäppchenjäger“, die von Billiganbietern kämen.

Das alles trifft auf Walter M. nicht zu. Das Unternehmen aus dem Main-Kinzig-Kreis mag aber auch keine Menschen beliefern, die sich durch „hohes Gerechtigkeitsempfinden“ auszeichnen, wir Tillmann Haar erklärt. Im Klartext: Querulanten unerwünscht. Wieso aber gilt als ein solcher der Offenbacher M., der sich nach eigener Auskunft noch nie gegen etwas gewehrt hat und mit „BürgerGas“ nur in Formular-Kontakt getreten war?

Geschäftsführer Haar will das nicht konkretisieren, weit weist er von sich, dass unter Versorgern schwarze Listen mit Namen nicht einfacher Kunden kursieren könnten. Er sagt nur: „Herr M. ist uns aufgefallen. Er gehört zu einer statistischen Erfahrungsgruppe. Wie manche Leute an einen herantreten, das gibt einen gewissen Eindruck.“

Überhaupt sei es Sache seines konzernunabhängigen Unternehmens, welche Philosophie es der Kundenauswahl zugrunde lege. Man sei zudem kein Grundversorger, der jeden nehmen müsse, betont Haar: „Wir können unsere günstigen Preise nur halten, wenn wir nur zufriedene Kunden haben.“ Haar bemüht das Beispiel eines Kaufmanns, der ja auch nicht gezwungen sein, jeden, der in seinen Laden komme, nach dessen Wunsch zu bedienen.

Der Offenbacher M. ist nicht allein. Im Kommentar-Bereich des renommierten Internet-Preisrechners Verivox beklagen sich etliche Interessenten über die Ablehnung mittels der als beleidigend empfundenen Standard-Begründung der Gelnhäuser.

Walter M. weiß jetzt zwar, dass er nicht für asozial gehalten wurde. Auf sich beruhen lassen möchte er die Angelegenheit indes nicht. Jetzt will er gern zu jenem Querulanten werden, der zu sein er verdächtigt wird: Er lässt einen Anwalt prüfen, ob er sich als Kunde einklagen kann oder gar Schadenersatz verlangen kann - weil er wegen des gescheiterten Anbieterwechsels weiter einen zu hohe Gaspreis bezahlen muss.

Rubriklistenbild: © dpa

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