Andere Wege, gleiches Ziel

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Dass Ostermärsche in Innenstädten beginnen und enden, das war mal alles andere als selbstverständlich. Kurt Nagel hat die Friedenskundgebungen über fünf Jahrzehnte mitgeprägt.

Offenbach ‐ Vor 50 Jahren wurden sie als „hoffnungslose Spinner“ bezeichnet. Sie stießen auf Widerstände, Hürden, Ablehnung. Die Polizei schrieb ihnen eine Marschroute durch Wald und Felder vor, fernab des Volkes. Von Isabel Winkler

Die Versorgung auf den oft mehrtägigen Touren zu gewährleisten, fiel schwer. Und auch Nachtquartiere zu finden, gelang selten problemlos. Unterkünfte wurden verwehrt oder wieder abgesagt. Diese Zeiten sind vorbei, oder zumindest, sagt Kurt Nagel, habe sich vieles geändert. Er muss es wissen, er ist seit der Geburtsstunde der Ostermärsche aktiv dabei.

Anfänglich waren sie gegen die Aufrüstung mit Atomwaffen auf die Straße gegangen, protestierten gegen die Stationierung solcher Waffen in Deutschland und kämpften gegen Atomwaffenversuche und die damit verbundene „globale Verseuchung mit radioaktiven Partikeln“. Und auch am gestrigen Ostermontag des Jahres 2010 zogen sie mit ähnlichen Zielen durch die Straßen, auf dem Weg zum Römerberg nach Frankfurt, wo sich Gleichgesinnte aus verschiedenen Teilen des Landes trafen. Denn erfüllt sind die, in ihren Augen „lebenswichtigen“, Ziele noch heute nicht.

Teilnehmer starteten in Mainbullau bei Miltenberg

„Immer noch lagern amerikanische Atomwaffen in unserem Land“, gibt Nagel zu denken. Außerdem führe die Bundesregierung Kriege ohne die Zustimmung des Volkes. Ein weiterer Punkt, der dem 86-Jährigen in seiner Auftaktkundgebung von großer Bedeutung ist, ist die „gegen unseren Willen aufgebaute Bundeswehr“, die das Land verteidigen solle, stattdessen aber „160 Großraum-Transportflugzeuge“ benötige, um „unter Waffeneinsatz Entwicklungshilfe“ zu leisten. Außerdem solle der „sinnlose, nicht zu gewinnende Krieg“ in Afghanistan beendet werden. Und: „Unseren Verteidigungsminister sollten wir endlich 'Kriegsminister' nennen“.

Etwa 200 Ostermarschteilnehmer stimmen klatschend zu. Sie schwenken Fahnen mit der Aufschrift „PACE“ oder „Deutsche Kommunistische Partei“. Und singen ihre von Musiker Ernst Schwarz angestimmten Lieder.

Das diesjährige 50. Jubiläum bezieht sich auf den ersten Ostermarsch 1960 auf deutschem Boden. Damals starteten vier „Marschsäulen“ von Hamburg, Bremen, Braunschweig und Hannover nach Bergen-Hohe. Dort testete die US Army Trägerraketen für Atomwaffen. Ein Jahr später fand der erste Ostermarsch in der Rhein-Main-Region statt. Die Teilnehmer liefen von Mainbullau bei Miltenberg nach Frankfurt.

Anfänge 1958 in England

Zentrum der organisatorischen Vorarbeit sei Offenbach gewesen, sagt Nagel. Was in kleinen Gruppen startete, wuchs in den Folgejahren mehr und mehr. Die Teilnehmerzahl der Märsche sei in Deutschland auf bis zu 300 000 im Jahr 1968 gestiegen. Ein Einbruch sei um 1970 zu verzeichnen gewesen. „Durch die Verselbständigung der studentischen Protestbewegung und die Entstehung einer antiautoritären Subkultur wurde die Bewegung merklich geschwächt“. Doch schon gut zehn Jahre später habe sich die Kampagne unter dem Einfluss der Debatte um die Nachrüstung der NATO wieder aufgebäumt. Ob sie sich die Gesamtteilnehmerzahl aller Märsche in Deutschland heute wieder an die Spitzenwerte von damals herantastet, bleibt zunächst offen.

Die Geschichte der Ostermärsche begann sogar noch etwas früher. Es war, erinnert Nagel, 1958 in England. Atomwaffengegner liefen damals von London zu einem 83 Kilometer entferntem Versuchslabor. Bei diesen erstem Märschen nahmen auch Deutsche teil, die diese Art Protestform in ihr Heimatland brachten.

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