Auf glühenden Kohlen

Angedrohte Zwangsräumung sorgt für Verunsicherung

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794 Menschen sind in den fünf Hochhäusern der Fritz-Remy-Straße gemeldet. Sollte es tatsächlich zur angedrohten Räumung kommen, verlören sie alle ihr Zuhause. Seitens der Stadt herrscht aber Zuversicht, dass es so weit gar nicht erst kommt.

Offenbach - Unter den Hochhaus-Mietern der Fritz-Remy-Straße herrscht Verunsicherung. Weil der Eigentümer bislang versäumte, den gesetzlichen Brandschutz nachzuweisen, hat die Stadt mit Räumung gedroht. Inzwischen gibt es jedoch einen ersten Hoffnungsschimmer. Von Marian Meidel und Yvonne Fitzenberger

Immer wieder stehen am Montag kleine Anwohnergruppen vor den Hochhäusern der Fritz-Remy-Straße 5 bis 13. Angespannt unterhalten sie sich. „Müssen wir raus?“ - „Wo soll ich hin?“ Diese und ähnliche Fragen sind es, die die Nachbarn beschäftigen.

„Falls wir kurzfristig ausziehen müssen: Was ist dann mit Rentnern oder Beeinträchtigen? Wie sollen die das machen? Oder Hundebesitzer? Die meisten Hotels erlauben keine Vierbeiner“, fragt sich Klaus Puth, der seit mittlerweile zehn Jahren einer der Hochhaus-Bewohner ist.

Da der Eigentümer trotz wiederholter Aufforderung jahrelang nicht den gesetzlich geforderten Brandschutz nachgewiesen hat, hat die Stadt am Freitag mit einer Räumung der kompletten Hochhaussiedlung gedroht (wir berichteten). Bis kommenden Montag, 30. April, haben die Mieter Zeit, sich bei der Bauaufsicht dazu zu äußern. Das entsprechende Schreiben, das die Bewohner der fünf Gebäude am Freitag bekamen, sorgt bei vielen für Verunsicherung.
„Wie sollen wir reagieren, wenn wir die Mängelliste nicht kennen?“, fragt sich Mieter Klaus Puth. Er wohnt seit zehn Jahren in der Nummer 13. Was das Bauaufsichtsamt von den Mietern will, ist ihm nicht klar.

Bilder: Bewohnern der Fritz-Remy-Straße droht Zwangsauszug

„Ich wusste von nichts. Meine Tochter hat es mir erzählt. Es ist niemand von der Hausverwaltung hier, den man fragen kann. Ich bin nicht gut zu Fuß. So ein Umzug wäre eine zusätzliche Belastung für mich“, klagt Ellen Weiß, seit 20 Jahren Mieterin an der Fritz-Remy-Straße 7.

Stadtsprecherin Kerstin Holzheimer betont deshalb, dass es bei der Frist zum 30. April lediglich um eine Anhörung geht. „Bevor wir andere Schritte einleiten, müssen die Mieter angehört werden – sie sind schließlich direkt von der Situation betroffen.“ Das lassen sich viele der Bewohner nicht zweimal sagen – bei der Stadt laufen die Leitungen heiß. „Eine Kollegin tut gerade den ganzen Tag nichts anderes, als mit Mietern zu telefonieren“, so Holzheimer. Kein Wunder: 794 Menschen sind in den Hochhäusern gemeldet. Besonders hart träfe eine Räumung Senioren wie Ellen Weiß. Sie wohnt seit 20 Jahren in der Nummer Sieben und kann nur mit Hilfe einer Krücke stehen und laufen. „Ich bin nicht mehr gut zu Fuß“, kommentiert sie lakonisch.

„Das ist alles so chaotisch. Man will hier eigentlich nur in Frieden wohnen und erlebt so eine Überraschung“, ärgert sich Brigitte Kosanke. Sie ist seit 1977 Mieterin an der Fritz-Remy-Straße und ist kurz nachdem die Hochhäuser errichtet wurden eingezogen. „Da bekommt man Existenzängste.“

Inzwischen gibt es jedoch einen ersten Hoffnungsschimmer, dass es so weit womöglich gar nicht kommen muss. Wie Kerstin Holzheimer berichtet, hat die Eigentümergesellschaft mittlerweile Dokumente vorgelegt. „Diese wurden von Feuerwehr und Bauaufsicht geprüft und sehen erst mal gut aus.“ Auch eine Ortsbegehung von Feuerwehr und Bauaufsicht habe es gegeben. „Die Eigentümergesellschaft ist jetzt in Kontakt mit einem Brandschutzsachverständigen. Von diesem muss eine offizielle Bestätigung über den ordnungsgemäßen Zustand der Anlagen eingeholt werden.“

Für die Hochhaus-Mieter der Fritz-Remy-Straße ist es nicht das erste Mal, dass sie wegen Versäumnissen der Verwalter in Bedrängnis geraten. 2012 hatte die EVO der damaligen Hausverwaltung damit gedroht, Wasser-, Fernwärme und öffentliche Stromversorgung der Gebäude einzustellen, da diese monatelang Nebenkosten in Höhe von 150.000 Euro schuldig geblieben war (wir berichteten). Erst Ende November wurde das Geld damals überwiesen und die Sperrdrohung schließlich aufgehoben.

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